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Von Heinz Gelking

Listen & Compare: audite-Chef Ludger Böckenhoff im Interview

audite lädt zum Hören und Vergleichen "originaler" und überarbeiteter Fassungen historischer Aufnahmen ein

„Listen & Compare“ fordert ein Emblem auf einigen SACDs des Labels audite. Live-Aufnahmen von Rafael Kubelik mit dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, die in den sechziger und siebziger Jahren auf analogem Bandmaterial mitgeschnitten wurden, präsentiert Ludger Böckenhoff dabei einmal in einer überarbeiteten Fassung und einmal als Eins-zu-eins-Kopie des Masterbandes. Der SACD-Hörer kann also zwischen der „bereinigten“ Fassung und dem „Original“ wählen. Warum dieser Aufwand?

Ludger Böckenhoff antwortete auf meine Fragen per Mail:

HG: Im Zusammenhang mit der für die SACD versprochenen höheren Klangqualität im Vergleich zur CD hieß es oft, die Chance des neuen Mediums liege darin, vom Masterband kaum noch unterscheidbar zu sein. Was sich auf dem Masterband befinde, das sei auch auf der SACD. Sie bekennen sich jetzt zu Eingriffen in das Material und stellen diese Eingriffe sogar zur Diskussion. Warum machen Sie das?

LB: Im Begriff „Bekennen“ schwingt schon etwas von Schuld mit – die empfinde ich aber gar nicht! Jede Kopie eines alten analogen Masters ist mit einem Eingriff verbunden. Es gibt keine Eins-zu-eins-Transformation von analogen Masterbändern auf digitale Medien. Immer ist eine subjektive Komponente im Spiel, und je älter die Bänder sind, desto mehr! Das fängt schon mit dem Einmessen der Bandmaschinen und der Justage des Tonkopfes an.
Der Remastering-Tonmeister kann darüber hinaus heute vielfältig in das Master eingreifen, um es zu „verbessern“. Hier wird der Prozess gänzlich individuell, denn was für den einen eine Optimierung darstellt, ist für den anderen ein schändlicher Eingriff in das zu schützende Original… Da findet sich der Sinn von Listen & Compare: Das weitestgehend unbearbeitete (wie gesagt: ganz ohne Eingriff geht es gar nicht!) Original liegt auf der SACD zum Vergleich mit vor. Es geht mir bei Listen & Compare also nicht um mögliche klangliche Vorteile der SACD gegenüber der CD oder der DVD-A, sondern um die Transparenz des Entscheidungsprozesses. Der Hörer kann sich erstmals ein eigenes Bild von der Tätigkeit des Remastering-Tonmeisters machen. Dabei riskiere ich, dass das Urteil des Hörers auch gegen mich ausfallen kann…

HG: Wie unterscheidet sich die von Ihnen „bereinigte“ Fassung gewöhnlich von der Eins-zu-eins-Kopie des Masterbandes? Was entfernen Sie? Fügen Sie etwas hinzu? Verändern Sie etwas an der Dynamik? Verschieben Sie etwas an der Klangfarbenwiedergabe?

LB: Die bisherigen „Listen & Compare“-Veröffentlichungen haben in Form der analogen Aufzeichnungen des BR aus den 70er Jahren technisch sehr hochwertige Master zur Grundlage. Daher habe ich hier nur äußerst vorsichtig eingegriffen, denn natürlich gilt es, nichts zu verschlimmbessern! Änderungen, die sich auf das gesamte Band beziehen, sind daher nur ganz sparsam eingesetzt: eine minimale Rauschverminderung, ein sehr dezenter Ausgleich des Höhenabfalls des Bandes und eine vorsichtige Rückführung der Dynamik in den angenommenen Urzustand. Wie gesagt, dies sind sehr behutsam eingesetzte Mittel. Wichtiger sind hier die Änderungen, die sich sozusagen von Takt zu Takt ergeben. Da finden sich störende Publikumsgeräusche im Original, die im bearbeiteten Master nicht mehr sind. Oder das Horn, dessen Ansatzproblem wegoperiert ist… Vielleicht lag ein kleiner taktischer Fehler bei der Einführung der Idee darin, mit technisch so guten Analogbändern zu starten. Einige der kommenden Veröffentlichungen werden zeigen, wie sehr bei wirklich alten Masterbändern der Grundklang der Aufnahme von den heutigen technischen Möglichkeiten profitiert. Die Unterschiede zwischen Vorher und Nachher werden gravierender sein. Andererseits hatte ich nun einmal die „Listen & Compare“-Idee und wollte mit der ersten Veröffentlichung nicht warten, bis audite den ersten Wachsplatten-Umschnitt veröffentlicht… Und das Repertoire nach solchen Kriterien zu wählen, wäre wohl die abstruseste Idee!

HG: Wie trennen Sie bei der Überarbeitung das Wichtige vom Unwichtigen, also beispielsweise den für den Raumeindruck wichtigen Nachhall vom überflüssigen analogen Grundrauschen des Tonbands?

LB: Man kann die Dinge nicht eindeutig trennen! Und überhaupt: Ein gewisser Rauschteppich kann psychoakustisch sehr angenehm sein – wie übrigens auch das Grundgeräusch eines Aufnahmeraumes nicht unbedingt nachteilig sein muss. Außerdem haben Tonmeister schon immer für ein bestimmtes Aufnahmemedium produziert. Die erzeugten Klangbilder werden AUCH durch die Aufnahmemedien beeinflusst und bestimmt: Wer als Tonmeister auf einer stark rauschenden Bandmaschine produziert, wird sicher mit einem höheren Direktanteil mischen als ich das heute für SACD-Veröffentlichungen tue. Dieser Zusammenhang geht verloren, wenn wir nun nachträglich hingehen und alles klinisch säubern würden. Es gilt, immer vorsichtig und bedacht ans Werk zu gehen! Eben darin zeigt sich die Kunst des Tonmeisters – und die Differenzierungsfähigkeit seiner Ohren. Wieder ein neues Argument für Listen & Compare.

HG: Welche technischen Vorrichtungen setzen Sie für diese Arbeit ein? Was ist die kleinste digitale Auflösung, die das Signal während der Bearbeitung durchläuft? Die A-D-Wandlung erfolgt ja mit 88kHz/24bit, wie das booklet mich informiert. Gehen Sie im Verlaufe der Bearbeitung irgendwann darunter?

LB: Die Überspielung des analogen Bandes erfolgt mit 24bit Wortbreite und 88,2 kHz Samplingrate. Diese Rate garantiert eine verlustfreie Konvertierung auf 44,1kHz, der Samplingrate der CD (auch bei SACDs gehe ich von einem Höreranteil von ca. 90% aus, der ausschließlich die CD-Schicht der SACD nutzt). Im gesamten Verarbeitungsprozess wird dann mit 32bit float gearbeitet (einer Auflösung, die Verluste durch die Bearbeitung quasi ausschließt), die Abtastfrequenz bleibt bei 88,2 kHz. Erst im Mastering muss für die CD die Abtastfrequenz reduziert werden. Die hochauflösende SACD-Schicht wird natürlich mit maximaler Bandbreite angesteuert.


HG: Ein Gegenargument: Die BR-Tonbänder sind ja nicht nur Dokumente einer Zusammenarbeit zwischen Kubelik und dem Orchester, sondern auch zwischen den Musikern und den Tonmeistern. Eine Aufnahme ist ja, ebenso wie eine Live-Übertragung, auch ein wenig „Team-Arbeit”. Und da greifen Sie nun ein. Wäre es nicht „ehrlicher“ das Dokument zu lassen wie es ist? Führt nicht insbesondere das „Ausradieren“ von Nebengeräuschen dazu, dass man als Hörer glaubt, eine Studio-Aufnahme vor sich zu haben, ja unterstreichen solche Geräusche nicht gerade den Eindruck von „Unmittelbarkeit”?

LB: Es gibt Publikumsgeräusche, die sind eindeutig eine Reaktion auf die Musik. Knisternde Gespanntheit in einer Generalpause, fast raunende Publikumsantwort auf die Höhepunkte eines musikalischen Spannungsbogen – das sind wichtige Bestandteile des Erlebnisses „Live-Aufnahme“, die ich erhalten möchte. Aber es gibt eben auch viele Geräusche, die nicht als Reaktion auf die Interpretation entstehen und für den Hörer ein Erleben der musikalischen Spannungslinie erschweren. Asthmatische Hustenanfälle in den sensibelsten Passagen gehören dazu. Hier kann eine qualifiziert ausgeführte Bearbeitung segensreich sein und letztlich das Nacherleben der Interpretation retten. All das entscheidet sich von Takt zu Takt, dies sind immer Einzelfallentscheidungen.

HG: Hören Sie gelegentlich ihre SACDs auch „privat”? Welche Version bevorzugen Sie dann?

LB: Ich höre die eigenen SACDs sehr selten privat. Aber wenn, dann ausschließlich in der bearbeiteten Version. Das ist es ja eigentlich: Auf „Listen & Compare“-SACDs finden sich die Aufnahmen genau so bearbeitet, wie ich sie privat gerne hören würde. Wer nicht meine klangliche Meinung teilt, kann dann ja gerne auf das Original zurückgreifen.

HG: Vielen Dank für die Informationen!

LB: Gerne!

— 24. April 2007