Platte11

Von Heinz Gelking

Ludwig Thuille (1861-1907): Urschlamm-Idyll, Heiligenschein, auserlesene Gesänge

Ludwig Thuille (1861-1907) gilt als Begründer der „Münchner Schule“. Unter anderem studierten Walter Braunfels und Hermann Abendroth, Ernest Bloch und Rudi Stephan bei ihm. Mit Richard Strauss war er eng und von Jugend an befreundet. Briefwechsel sind erhalten geblieben.

Thuilles Vokalmusik hört man eine Nähe zu Strauss an – oder umgekehrt. Um genau dieser Diskussion zu entgehen, soll Thuille tatsächlich ein schon länger abgeschlossenes Lied unveröffentlicht gelassen haben, weil es eine ungewöhnliche Harmoniefolge aus Strauss’ Tod und Verklärung vorweg nahm. Der gegenseitige Respekt war durchaus groß und absolut gegenseitig. Auf der anderen Seite unterscheiden die beiden Komponisten sich in ihrem Stil deutlich. Thuille räumt dem Text generell mehr Bedeutung ein als Strauss, was sich in einer manchmal etwas rezitativischen Kompositionsweise niederschlägt, die – zumindest auf mich – gelegentlich einförmig wirkt. Das mag auch ein wenig an den Interpreten liegen.

Womit ich bei dieser CD-Produktion bin. Wir hören unverkennbar einen dramatischen Sopran von hoher Qualität – nichts gegen die durchsetzungsfähige Stimme der akzentfrei, ja perfekt Deutsch singenden Amerikanerin Rebecca Broberg. Doch überzeugt sie auf der Opernbühne vermutlich mehr als vor dem Mikrofon, das ja immer auch ein wenig wie eine Lupe und zugleich verengend wirkt. Über manchen Zwischenton, manche Mehrdeutigkeit im Text geht sie ein wenig pauschal hinweg. Das liegt unter anderem daran, dass Rebecca Broberg mit einem gewissen Automatismus bei steigender Tonhöhe lauter wird. Nicht immer wirkt das so sinnvoll und überzeugend wie im Falle der dramatischen Expansion, mit der sie das Lied “Julinacht” (Text: Karl Stieler) abschließt. Die stärksten sieben Minuten dieser Produktion liegen allerdings im von Philipp Meierhöfer vorgetragenen Urschlamm-Idyll. Er weiß das absurde Lied um den Ichtyosaurus (Text: Friedrich Theodor Vischer) mit Charme und Witz und treffenden vokalen Gesten zu inszenieren.

Noch einmal zurück zur Rebecca Broberg, die den ganz überwiegenden Teil des Programms bestreitet: Wie schon angedeutet, kommt beim Hören dieser CD immer wieder der Eindruck auf, dass ihre Stimme in natura vermutlich reicher klingt. Manche Schärfe im Klang geht wohl auch auf das Konto der Aufnahmetechnik, die das Klavier (Hans Martin Gräbner) offenkundig weit glaubhafter einfing als die Sopranistin.

Infos:

Ludwig Thuille
Lieder nach Texten von Otto Julius Bierbaum, Karl Stieler, Heinrich Heine und anderen

Rebecca Broberg, Sopran
Philipp Meierhöfer, Bass
Hans Martin Gräbner, Klavier

Thorofon CTH 2578

— 16. September 2011