Platte11

Von Heinz Gelking

Luz Casal: La Pasión (Blue Note-CD)

Short summary in English:

Luz Casal sings boleros in the old style and with a wunderfull voice. A fantastic band accompanies her. The recording pays less attention to details and dynamics, but the sound matches perfectly to this “romantic” kind of music.

Die zwölfte CD, immerhin. Luz Casal ist in Spanien und Lateinamerika offenbar viel populärer als bei uns. Ich kannte sie überhaupt nicht. Zwei Boleros, die sie vor fast zwanzig Jahren für den Film „High Heels“ von Pedro Almódovar gesungen hat, sollen den Grundstein für ihren Ruhm gelegt haben.

Mit La Pasión verweist Luz Casal noch einmal auf diese Anfänge, knüpft aber auch bei der Geschichte des Boleros an, der sein Goldenes Zeitalter in den 1950er Jahren erlebte. Sombras (Schatten) und Alma Mia (Meine Seele) reichen sogar bis in die 1940er Jahre zurück; andere Titel wurden erst in den 1960er und 1970er Jahren geschrieben. Die 13 Lieder von Komponisten und Textern aus Argentinien, Brasilien, Chile, Kuba, Mexico, Panama und Puerto Rico zeigen, wie lebendig das Genre über viele Jahrzehnte war. Liebe und Trauer, Leidenschaft und Tragik sind die zeitlosen Themen dieser Musik.

Eine gewisse Zeitlosigkeit, um nicht zu sagen: ein Hauch von Nostalgie schlägt sich auch nieder in den Arrangements von Eumir Deodato, der schon für so unterschiedlichen Künstler wie Frank Sinatra, Björk und K.D. Lang gearbeitet hat. Wir hören verschmuste Streicher, hymnisch aufspielende Bläser, ein samtpfötiges Klavier sowie eine lässig-entspannte Rhythmusgruppe zuzüglich Bass und einer Gitarre, die alles auf Südamerikanisch abschmeckt. Diese Begleitband ist schlichtweg großartig! Wobei, zugegeben, die Arrangements schon manchmal ein klein wenig konventionell wirken – darin liegt ihre Stärke und zugleich ihre Schwäche. Es fehlt ihnen nämlich ebenso wie dem fast schon zu perfekten, vollkommen von Nebengeräuschen befreite Klangbild (Produzent: Renaud Letang) ein wenig am Mut zu schärferen, schneidenderen Tönen. Die atmosphärische Dichte der besten Blue Note-Produktionen mit Jazz-Sängerinnen – zum Beispiel mit Cassandra Wilson – wird jedenfalls nicht erreicht. Auf der anderen Seite erfüllt sich so, was Luz Casal besonders am Herzen lag: Die Boleros werden hier nicht in die Gegenwart gezerrt und hilflos “modernisiert”. Immer weht da ein Hauch von Romantik. Sie erscheinen so klangsatt, warmherzig und rund als wären es historische Aufnahmen. Auch darum geht die Musik wohl so widerstandslos ins Ohr und bleibt dort lange haften. Und schon beim zweiten oder dritten Hören der CD stellt sich bei fast jedem Stück das Gefühl ein, im Radio werde ein altes Lied gespielt, das man schon ewig kennt und immer mochte. Man will spontan zum Verstärker gehen und die Lautstärke etwas aufdrehen – La Pasión enthält wundervolle Ohrwürmer. Luz Casal pflanzt sie uns mit ihrer warmen Stimme unnachahmlich ins Ohr, während wir mit den Füßen wippend einen Kaffee aufbrühen oder summend die Fenster putzen. Unterhaltungsmusik, nicht mehr und nicht weniger, aber auf ihre Art wiederum perfekt.

Veröffentlichungsdatum der CD ist der 27.11.2009.

(Übrigens: Bei Youtube findet sich Material von dieser CD. Reinhören empfohlen. Ich hatte einen Clip verlinkt, ihn wegen rechtlicher Unsicherheit aber wieder raus genommen.)

— 14. Oktober 2009