Platte11

Von Heinz Gelking

Magdalena Kožená: Ah! mio cor / Händel-Arien

Ah! mein Herz!

Wieviel Drama darf’s denn sein – in der Barockoper? Jedenfalls ist die Oper per definitionem die dramatischste aller musikalischen Gattungen. Und das natürlich nicht erst seit Tosca oder Salome, sondern auch im 18. Jahrhundert, als Georg Friedrich Händel in London innerhalb weniger Jahre zum erfolgreichen Opernkomponisten avancierte und ein Dramma per musica nach dem anderen veröffentlichte.

Vor allem Sängerinnen und Sänger mit unmittelbarer Bühnenerfahrung haben sich darum von der alten Idee befreit, in barocker Musik dürften große Gefühle nur in ihrer stilisiertesten Form vorkommen, und noch in der größten Not der Figur dürfe kein Seufzer die Perfektion der musikalischen Linie beeinträchtigen.

Dazu gehört auch die Mezzo-Sopranistin Magdalena Kožená. Sie hat sich elf Arien aus Händel-Opern vorgenommen und dreht dabei ständig an den Stellschrauben der Musik: reißt Phrasen ab, atmet vernehmbar, wechselt schubartig zwischen lautem und leisem Singen, fällt beinahe aus dem Singen heraus und in Deklamation hinein, intoniert manchmal so haarscharf (und ausdrucksvoll) daneben, als gelte es “Blue Notes” zu setzen. Kaum einmal tritt Ruhe ein. Als stünde die Welt in lodernden Flammen.

Aber das tut sie ja auch. Für Alcina, Dejanira, Agrippina oder Orlando …

Vermutlich kommt Magdalena Kožená jener Grenze ziemlich nah, bei der man der reinen Willkür die rote Karte zeigen möchte. Aber noch überschreitet sie diese Grenze nicht. Sie wagt viel – und gewinnt. Wir erleben Figuren in extremen existentiellen Situationen – das haben uns Sängerinnen wie Janet Baker oder Emma Kirkby vorenthalten, ja im Vergleich zu Magdalena Kožená klingt mittlerweile selbst Cecilia Bartoli beinahe ein wenig “glatt”.

Dass Koženás ausgeprägter Ausdruckswille hier noch nicht in unfreiwilligen Humor umkippt, liegt nicht nur daran, dass Figuren wie Dejanira und Texte wie Where shall I fly? den Einsatz aller Mittel rechtfertigen. Es liegt auch daran, dass die Kožená dort, wo sie auf Linie bleiben will, noch immer atemberaubend virtuos, eloquent und schön singt.


Das Venice Baroque Orchestra scheint mit den Protagonisten, die es begleitet, zu bangen und zu beben, zu fürchten und zu fiebern. Sein Klang ist dunkel und aufgewühlt. Andrea Marcon hält das Orchester unter permanenter Spannung und animiert es zu kontrastreichem Spiel. Schöne Einzelleistungen von Oboe (Stefanie Haegele), Cello (Francesco Galligioni) und Trompete (Patrick Henrichs).

Die Aufnahme entstand im März 2006 im Gustav Mahler Saal des Kulturzentrums Grand Hotel in Toblach. Die Klangqualität ist ausgezeichnet.

— 20. November 2007