Platte11

Von Heinz Gelking

Marianne Beate Kielland singt Geistliche Solokantaten von Johann Sebastian Bach

Vom Barock bis zur Gegenwart: Marianne Beate Kiellands Repertoire ist breiter als das typischer "Spezialistinnen" der historisch-informierten Musizierpraxis (Fotonachweis: PR, www.kielland.no)

Marianne Beate Kielland war bereits an Helmut Müller-Brühls kürzlich bei NAXOS erschienener Aufnahme der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach beteiligt (image hifi 2/2006). Wegen der insgesamt guten Besetzung der Solo-Partien (darin liegt die Stärke dieser Matthäus-Passion), fiel sie mir da aber gar nicht besonders auf. Mit der Aufnahme der Solo-Kantaten Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust (BWV 170), Widerstehe doch der Sünde (BWV 54), Gott soll allein mein Herze heben (BWV 169), Bekennen will ich seinen Namen (E BWV 200) und Schlage doch gewünschte Stunde (BWV 53) gibt die junge Mezzo-Sopranistin jedoch eine Visitenkarte ab, die man in Erinnerung behalten wird.

Ihre Stimme erinnert mich an den Klang einer Alt-Blockflöte: Die Höhe leuchtet gedeckt und innig, im mittleren Tonbereich klingt sie ungewöhnlich warm, da hat sie die schönste Farbe, und dort verfügt Marianne Beate Kielland über das größte dynamische Differenzierungsvermögen und die feinste Ausdruckspalette. Sie bezeichnet sich selbst als Mezzo-Sopranistin (www.kielland.no), doch sämtliche Solo-Partien dieser Kantaten schrieb Bach für die Alt-Stimme. Marianne Beate Kielland hat zweifelsohne den nötigen Stimm-Umfang, doch tief liegende Töne kommen ein wenig verhalten und klingen stärker abgedunkelt, hier trägt die Stimme der Norwegerin nicht ganz so gut, während sie sich sonst wunderschön und vollkommen anstrengungsfrei entfaltet und gegenüber dem nicht kleinen Orchester durchsetzt. Ihr Deutsch ist nahezu akzentfrei und die Einbindung des Textes ins Singen gelingt ihr, wenn auch vielleicht nicht mit brillanter Eloquenz, absolut souverän. Die Textverständlichkeit ist sehr gut, was ich gerade bei Bach-Kantaten sehr wichtig finde.

Wenn ich ihre Stimme mit einer Alt-Blockflöte vergleiche, dann möchte ich tatsächlich die damit verbundenen Assoziationen hervorrufen: Marianne Beate Kiellands Stimme hat weder ein „silbriges“ Timbre, noch die Strahlkraft einer Trompete oder welche instrumentalen Vergleiche einem zu Stimmen auch immer einfallen – der Holzton und die klar definierte Ton-Emission einer Alt-Blockflöte beschreibt den Klang für mich wirklich am besten. Ich finde ihn ungewöhnlich schön und möchte ihn fast anti-brillant nennen.

Helmut Müller-Brühl ist bekannt dafür, einen „Dritten Weg“ zwischen der marktführenden „historisch informierten Praxis“ und jener konventionellen Bach-Interpretation der Generation Jochums, Klemperers oder Karajans zu beschreiten. Beinharte „Originalklang“-Vertreter muss man also vor dieser CD warnen: Hier wird auf modernen Streichinstrumenten gespielt, und wer in dem Punkt fundamentalistische Ansichten vertritt, der sollte die Finger von der Aufnahme lassen. Das Orchester klingt nämlich – trotz (angeblich?) historischer Bogentechnik – ein wenig pastos. Einzelne Holzblas-Instrumente sowie eine Truhenorgel mit vier Registern (von Harald Hoeren toll gespielt – ein echter Dialog-Partner für Kielland!) reichern die matten Farben des Kölner Kammerorchesters allerdings mit Vollwertkost an. Auch in der Wahl der Tempi und in der Ausführung dynamischer Kontraste setzen Müller-Brühl und das Kölner Kammerorchester eher auf Ballance und Beschaulichkeit.

Marianne Beate Kielland fügt sich in gewisser Weise darin ein. Es gibt Momente, die sie ruhig mit vehementer deklamierendem Ausdruck singen könnte, beispielsweise eine Phrase wie Ihr Mund ist voller Ottergift (1. Rezitativ, BWV 170) oder die tatsächlich hämisch „lachenden“ Verzierungen auf Dein scharfes Strafgebot so frech verlacht (2. Aria, BWV 170) oder das apellative Widerstehe doch der Sünde (1. Arie, BWV 54). Sie singt so etwas aus, als wüsste sie genau, was an rethorischem Ausdruck und virtuoser Beweglichkeit in den figurativen Passagen von einer Interpretin da mittlerweile erwartet wird (und das kommt auch souverän), behält dabei aber stärker die musikalische Linie als das auf’s einzelne Wort bezogene Ausdrucksmoment im Blick. Man könnte auch sagen: Sie wahrt den besinnlichen Kantaten-Charakter und vermeidet das Dramatisch-Opernhafte, das sich bei heftigeren emotionalen Ausbrüchen einstellen würde. So überzeugen vor allem die betrachtenden, introspektiven Arien, die sie mit wunderbarer Ruhe und unmittelbar berührend singt. Feinste Ausdrucksnuancen in Dynamik und Farbe ihrer Stimme machen Gott soll allein mein Herze haben oder Stirb in mir, Welt und alle deine Liebe (1. und 2. Arie aus BWV 169) zu Höhepunkten dieser CD.


Zur Aufnahmequalität: Das Orchester klingt (schon durch die Wahl der Instrumente) undurchsichtiger als bei Bach-Aufnahmen der HIP’ler, die Stimme wurde exzellent (und erfreulicher Weise nicht zu nah mikrofoniert) eingefangen, beim Hören bekommt man einen schönen Eindruck vom Raum, in dem die Aufnahme stattfand.

Marianne Beate Kielland, Kölner Kammerorchester, Helmut Müller-Brühl

Johann Sebastian Bach: Geistliche Solokantaten BWV 53, 54, 169, 170, 200
Label: Naxos 8557621D (CD), Jahr: (P) 2005
Aufnahmeteam: unbekannt, Ko-Produktion Deutschlandfunk

— 24. April 2007