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Von Heinz Gelking

Mehr als "Ein Sommernachtstraum": Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy auf LP (und CD)

Heute vor 200 Jahren, am 3. Februar 1809, wurde Felix Mendelssohn Bartholdy in Hamburg geboren. Ein guter Grund, noch einmal ein paar wichtige, inzwischen historische, jedenfalls noch als LP herausgekommene Aufnahmen seiner Musik vorzustellen. Viele sind zwischenzeitlich auch auf CD erschienen.

Vorweg eine Anmerkung zu den beiden unter Plattensammlern wohl gesuchtesten Mendelssohn-LPs: Der aus der Schweiz stammende Dirigent Peter Maag spielte 1957 die Musik zum Sommernachtstraum (Konzert-Ouvertüre, op. 21, Stücke aus der Bühnenmusik, op. 61) mit dem London Symphony Orchestra ein (Decca SXL 2060); Aufnahmeleiter war Cyril Windebank, Produktionsleiter war James Walker. 1960 ließ Peter Maag die Schottische Sinfonie (Nr. 3 a-moll, op. 56) folgen (Decca SXL 2246), bei der Kenneth Wilkinson und Alan Reeve für die Aufnahme- und Ray Minshull für die Produktionleitung verantwortlich waren. Beide Aufnahmen fanden in Kingsway Hall statt, einem sowohl von Plattenfirmen wie EMI und Decca als auch von Musikern geschätzten Gebäude mit einer ausgezeichneten Akustik für Orchesteraufnahmen. Im überwältigenden Klang der beiden LPs aus der Frühzeit der Stereofonie liegt sicher auch der Grund, weshalb Speakers Corner Records die beiden LPs wiederveröffentlicht hat.

Wer aber den „kompletten“ sinfonischen Mendelssohn auf LP sucht, wird zwar ebenfalls bei Decca fündig, allerdings erst in der Spätphase der Vinyl-Produktion. Zwischen 1977 und 1980 nahm Christoph von Dohnányi mit den Wiener Philharmonikern sowie den für die Lobgesang-Sinfonie (Nr. 2 B-Dur, op. 52) erforderlichen Solisten und dem Chor der Wiener Staatsoper eine Gesamtaufnahme vor, die unter Plattensammlern leider nicht die Bekanntheit hat, die sie verdient hätte. Sie enthält neben den fünf Sinfonien auch Ouvertüren wie Die Hebriden (op. 26), und Meeresstille und glückliche Fahrt (op. 27), jedoch leider keine Teile aus dem Sommernachtstraum (op. 21 und 61). Dohnányi hält die Wiener Philharmoniker zu einem enorm transparenten und flüssigen Spiel an, verbunden mit einer idealen Balance zwischen Bläsern und Streichern. Er fächert den Orchesterklang noch feiner auf als Peter Maag (in op. 56), wie die Wiener Philharmoniker überhaupt farbiger spielen als das London Symphony Orchestra und die Interaktionen zwischen Holzbläsern und Streichern gleichsam mit spontaneren Reflexen ablaufen. Hier wird – frei nach Eckhard Henscheids berühmtem Buchtitel – Mendelssohn zum Mozart Schumanns oder Brahms’: voller Verve und Eleganz und in herrlicher Verbindung von Naturhaftigkeit und Klassizität. Aber eben nicht nur dazu – und das ist das Besondere dieser Aufnahmen: Namentlich in der Schottischen klingt hinter Dohnányis struktureller Klarheit eine andere Seite der Medaille an, wo „... alles zerbrochen, morsch (ist) und der heitere Himmel scheint hinein. Ich glaube, ich habe da den Anfang meiner Schottischen Sinfonie gefunden“ (Mendelssohn am 30. Juli 1829). Die Musik hat einen doppelten Boden, verkörpert lichte Idylle, dunkle Melancholie und finsteres Geheimnis. Sie ist eben doch nicht glatt, und bei aller Modellhaftigkeit der Form liegen Assoziationen zu Shakespeares Königsdramen näher als zur gähnend-mustergültigen Iphigenie von Goethe. Zugegeben, bei den repräsentativ-erbaulichen Sinfonien Nr. 2 (B-Dur, op. 52) und Nr. 5 (d-moll, op. 107) fällt der Zugang schwerer.
Ich besitze von Dohnányis Aufnahmen leider nur eine Box mit Mitte der 80er Jahre bei Teldec in DMM-Technik gepressten LPs; sie sind vorher auch einzeln erschienen. Selbst diese Billig-Pressungen klingen jedoch gut, vor allem, wenn man sich vergegenwärtigt, wie lange Spielzeiten man hier auf jede Plattenseite gezwungen hat. Die Aufnahmen sind auch auf CD zu bekommen.

Wer einen dunkleren und dichteren, weniger transparenten Orchesterklang favorisiert, einen Klang, bei dem Mendelssohns Sinfonien näher an Schumann und sogar Brahms rücken, der sollte sich nach Kurt Masurs Eterna-Einspielungen mit dem Gewandhaus-Orchester Leipzig umsehen. Es gibt ja kaum ein Orchester, das sich engerer Bezüge zu Mendelssohn rühmen kann als dieses; der Komponist ging 1835 als Leiter der Gewandhaus-Konzerte nach Leipzig und starb dort 1847. In typisch positivistischer Manier war man beim Eterna-Label des VEB Deutsche Schallplatten im Jahr 1972 auf Vollständigkeit aus und nahm nicht nur die fünf großen, sondern sogar die zwölf so genannten Jugend-Sinfonien (ohne Opus-Zahl) in Leipzig auf und verpackte sie in eine wahre Luxus-LP-Kassette aus dunkelgrünem Leinen, zusammen mit Kammermusik und Klavierwerken.
Masurs Tempi sind eine Nuance getragener als Dohnányis, doch das Orchester spielt technisch genauso souverän und nicht weniger beteiligt als die Wiener Kollegen – die Leipziger kennen „ihren“ Mendelssohn eben im Schlaf, und das hört man ebenso wie dass sie ihn lieben. Masur und Dohnányi – das ist im Falle der Mendelssohn-Aufnahmen in viel geringerem Maße ein Gegensatz, als man es erwarten würde. Vereinfachende Einordnungen wie „hier der bieder-solide Kapellmeister – dort der kühle Technokrat und präzisen Rhythmiker“ werden diesen Interpretationen jedenfalls nicht gerecht. Letztlich beruhen die Unterschiede vor allem darauf, dass bei Masur die Disposition der Orchesterregister weniger durch dialogische Gegenüberstellung von Bläsern und Streichern gekennzeichnet ist und etwas stärker durch das Bemühen um einen homogenen Orchesterklang, aus dem sich die Blasinstrumente als zusätzliche Farbwerte erheben dürfen. Auch die Eterna-Techniker liegen auf dieser Linie. Sie realisierten ein üppigeres und wärmeres, wohl auch dichteres Klangbild als ihre Decca-Kollegen ein paar Jahre später.

(Mit den Oratorien und Kammermusik geht es demnächst jetzt hier weiter.)

—  3. Februar 2009