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Von Heinz Gelking

Mehr als "Ein Sommernachtstraum", Teil II: "Elias", die Streichquartette und das Oktett von Felix Mendelssohn Bartholdy auf LP (und CD)

Felix Mendelssohn Bartholdy hatte schon als Zehnjähriger an der Berliner Singakademie von Friedrich Zelter geistliche Vokalmusik kennen Gelernt und gilt musikhistorisch als „Wiederentdecker“ der Oratorien Bachs für den Konzertbetrieb. Von seinen beiden eigenen Oratorien (_Christus, op. 97_, blieb Fragment) höre ich den dramatischer angelegten Elias, op. 70 lieber als den Paulus, op. 36. Weil diese Oratorien ohnehin hinter der Popularität der Händel’schen und Bach’schen Werke zurück stehen, ist das Angebot empfehlenswerter LPs schmal. Mich begeistert die Einspielung von Wolfgang Sawallisch mit dem Gewandhaus-Orchester heraus. Auf der vokalen Seite ist sie mit Elly Ameling, Peter Schreier sowie dem Rundfunkchor Leipzig sehr gut besetzt und Theo Adam singt die zentrale Partie des Elias bei weitem besser als manches Sänger-Lexikon es ihm zugesteht. Er verkörpert Elias als wahren Propheten – voller Zorn, Autorität und Kraft. Sawallisch, dessen Schallplattenkarriere mit Aufnahmen wie diesen (und seinen in Dresden eingespielten Schumann-Sinfonien) ihren Anfang nahm, gelingt es, den Oratorien-Charakter des großbesetzten Werkes in klangvoll ausladenden Chor-Szenen und innig begleiteten Individual-Szenen zu wahren. Naturmalerische Elemente des Werks (wie das „Regenwunder“) wirken bildhaft und sinnlich. Der Elias in Sawallischs Aufnahme zeigt aber ebenso, dass Mendelssohn auch ein großer Musikdramatiker war – so dringlich erscheint die existentielle Not des unter der Dürre leidenden Volkes vor dem Hörer und so wirkungsmächtig erscheinen Szenen wie die “Anrufung Baals”. Nebenbei: Diese schöne Aufnahme hat eine hervorragende Klangqualität (Philips 8028891LY auf 2 LPs von 1968).

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Ein anderer Rückbezug, aber nicht auf Bach oder Händel: Wer das späte – was heißt spät, wenn einer nicht vierzig Jahre alt wurde? – Streichquartett op. 80 (f-moll) zum ersten Mal hört und nicht weiß, dass es von Mendelssohn stammt, der könnte glauben, ein bisher unbekanntes Quartett aus der experimentellen Spätphase Beethovens vor sich zu haben. Melodische Kantabilität? – Fehlanzeige. Die Musik klingt unwirsch, mit harsch zusammengeschnittenen Kontrasten, wendet sich vom Hörer ab und reibt sich in rhythmischen Flächen auf. Mendelssohns geliebte Schwester Fanny starb im Mai 1847. Hat das dazu geführt, dass Felix das Komponieren à la mode aufgab und diese durch und durch subjektive Musik schrieb, die auf keine Hörerwartungen Rücksicht nimmt? Die vorausgegangenen sechs Quartette halten sich jedenfalls stärker an die Konvention, was beim Es-Dur-Quartett (ohne Opuszahl), das er als Vierzehnjähriger schrieb, nicht verwundert, aber selbst für die 1837/38 entstandenen Quartette (op. 44, Nr. 1-3) gilt (das ist komplexer als hier darstellbar: Mendelssohns Quartette entwickeln sich von der Nachahmung Mozarts und Haydns hin zur eigenständigen Bewältigung von Formproblemen und hin zu konzertanter Brillanz). Wichtige Gesamtaufnahmen dieser Quartette (u.a. Cherubini-Quartet, EMI) entstanden vor allem in der digitalen Ära, und das Ulbrich-Quartett (auf Eterna-LPs) hat 1974 nur op. 12, op. 44 Nr. 2 und op. 80 eingespielt. So hat der LP-Sammler kaum eine Wahl; er muss zur meines Wissens ersten Gesamtaufnahme der Mendelssohn-Quartette überhaupt greifen, wenn er sie alle aus einer Hand besitzen möchte. Die nahm das Melos Quartett zwischen 1976 und 1981 auf, und sie wurde mit vollem Recht zum Klassiker (4 DG-LPs, 2740267). Die Musiker spielen selbst die frühen Quartette mit großer rhythmischer Spannkraft und mit enorm sorgfältig gestalteter, weiter Dynamik, ohne dabei den Rahmen einer „klassischen“ Quartettkultur zu sprengen. Das ist überhaupt das Besondere am Melos Quartett, vor allem in Zeiten, in denen man jüngeren Quartett-Formationen gerne sagen möchte, dass knarzende Saiten nicht per se als Ausdrucksmittel taugen: Hier wird nichts ins Extreme überzogen und trotzdem engagiert und ausdrucksstark musiziert. Die Aufnahmequalität? – Späte DG-Ästhetik: nah ran, um jedes Detail einzufangen, aber nicht völlig frei von Schärfe im Klang. Trotzdem: sehr empfehlenswert!


Bei früherer Gelegenheit (nicht online) hatte ich eine Aufnahme des Oktetts Es-Dur (op. 20) mit dem Melos Ensemble of London vorgestellt (EMI-LP), weil sich an der Platte zeigen ließ, dass Tontechnik und Interpretation im Idealfall Hand in Hand gehen. Nach wie vor halte ich das für eine empfehlenswerte Aufnahme, möchte aber diesen Blick über sammelnswerte Mendelssohn-LPs nicht schließen, ohne den Hinweis auf eine voller Leidenschaft und Witz gespielte Alternative gegeben zu haben: 1972 nahmen das Smetana-Quartett und das Janacek-Quartett diese Meisterwerk für das Supraphon-Label auf (inzwischen auch auf CD wiederveröffentlicht). Die tschechischen Streicher spielen mit einem kernigeren Ton als die britischen Kollegen und mit einem Furor (nicht nur im Presto ), der mehr als nur andeutet, dass Mendelssohn als Sechzehnjähriger bei allem Klassizismus, den man ihm nachweisen kann, auch schwer dem Sturm und Drang verfallen war. Mit dem Klang meiner Ausgabe (nicht das Supraphon-Original, sondern die Eterna-LP 826249) bin ich sehr zufrieden, ohne ihr gleich fünf audiophile Sternchen anheften zu müssen – egal!

— 11. März 2009