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Von Heinz Gelking

Michel Schwalbé: Virtuose Violine (Hörzu-LP, antiquarisch)

Michel Schwalbé wurde 1957 von Herbert von Karajan als Konzertmeister für die Berliner Philharmoniker engagiert. Der Geiger spielte die Solo-Violine in vielen heute als “klassisch” geltenden Karajan-Aufnahmen, darunter der “Missa Solemnis”-Einspielung aus dem Jahr 1966 sowie der “Also sprach Zarathustra”-Aufnahme von 1974. Und es lohnt sich, diese Platten noch mal aus dem Regal zu holen, allein um Schwalbés Soli zu hören!

Der Verleger Axel Springer stellte Michel Schwalbé eine wertvolle Violine auf Lebenszeit zur Verfügung: die “König-Maximilian”-Stradivari aus dem Jahr 1709. Die daraufhin eingespielte LP dokumentiert nicht nur den schönen Klang des wertvollen Instruments, sondern auch die hohe Kunst Michel Schwalbés.

Schwalbé war ein “Wunderkind” und gab mit zehn Jahren sein erstes Konzert. Sein geigerischer Ausbildungsweg speist sich aus zwei Traditionssträngen. Da ist einmal die so genannte “Auer-Schule”. Leopold Auer war der Lehrer so berühmter russischer Geiger wie Mischa Elman, Nathan Milstein und Jascha Heifetz. Mit dieser russischen Virtuosentradition ist Michel Schwalbé über seinen Lehrer Moritz Frenkel verbunden. Frenkel war Schüler und später Assistent Leopold Auers.

Michel Schwalbé holte sich seinen künstlerischen Feinschliff aber woanders. Er ging nach Paris zu George Enescu und zu Pierre Monteux, später setzte er sein Studium bei Jules Boucherit (dem Lehrer der großen Ginette Neveu) fort. 1938 schließt Michel Schwalbé sein Studium am Pariser Konservatorium ab, 1944 lädt Ernest Ansermet ihn ein, Konzertmeister beim Orchestre de la Suisse Romande zu werden. Schwalbé nahm das Angebot an und wurde später (1948) auch Nachfolger von Joseph Szigeti am Conservatoire de Musique in Genf.

Wie viele seiner Kollegen verfolgte auch Michel Schwalbé weiterhin solistische Ambitionen, doch eine Weltkarriere “aus der Orchesterposition heraus” blieb Wolfgang Schneiderhan, vorbehalten. Michel Schwalbé machte noch weniger Aufnahmen als Kollegen wie Hermann Krebbers vom Concertgebouw oder Riccardo Odnoposoff von den Wiener Philharmonikern, ja die hier vorgestellte LP ist überhaupt die einzige mir bekannte Solo-Produktion von Michel Schwalbé.

Er zeigt sich hier als Geiger von außerordentlichem musikalischen Geschmack – nicht nur in der Wahl seines Musizierpartners, nämlich des Pianisten Karl Engel, der sich hier einmal mehr als hervorragender Kammermusiker profiliert. Schade, dass es von diesem Duo keine Aufnahmen mit Kernrepertoire wie den Beethoven-Sonaten gibt. So überlegt und beinahe mutig die Musikauswahl auf dieser Platte auch erscheint (die Musik Bartóks (Rumänische Volkstänze) und Strawinskys (Chanson russe), aber auch Debussys (Minstrels) wird das Hörzu-Publikum überrascht haben), so geht das Wirkungsvolle hier natürlich vor dem Gehaltvollen. Es ist und bleibt eine Platte mit “Virtuosenfutter”. Und das hat sich die Hörzu vermutlich genau so gewünscht.


Was irgendwie gar nicht zum hier dokumentierten Geigenspiel von Michel Schwalbé passt. Technisch bringt ihn natürlich nichts in Gefahr; Schwalbé geigt in der selben Liga wie sein weltberühmt gewordener Kollege Wolfgang Schneiderhan – mindestens! Aber er ist kein geigerischer Draufgänger. Sein Klang ist weder süffig, noch wirklich groß und weithin tragend – da sind ihm die russischen Virtuosen wie beispielsweise Nathan Milstein voraus. Schwalbé hört man nicht, um sich von einem Bombenton mit dickem Vibrato mitreißen zu lassen. Der Geiger produziert auf der „König-Maximilian“-Stradivari einen sehr konzentrierten Klang von großer dynamischer und farblicher Variabilität. Selbst „Zirkusnummern“ wie die beiden Spanischen Tänze von Pablo de Sarasate wirft er mit eher leichter Hand, hoher Präzision, scharfer Linienführung und perfekter Technik dahin. Ein Kaligraph – kein Maler in Öl!

Ich finde sein Spiel überraschend modern. Hört man die changierenden Klangfarben und seinen Mut zu einem wirklich leisen Piano in den Rumänischen Volkstänzen von Béla Bartók (in der Bearbeitung von Zoltán Székely), stellt man fest, dass Schwalbés große Kunst zwei Grundlagen hat: Ein ganz außergewöhnlich starkes Stilgefühl und ein großes Maß an klanglicher Fantasie. Die Platte mit dem banalen Titel Virtuose Violine dokumentiert die Kunst eines noblen und klugen Interpreten.

— 14. Juni 2007