Platte11

Von Heinz Gelking

Michelle Shocked: Short Sharp Shocked (Mercury-LP)

Their lives ran in circles so small
They thought they’d seen it all so
They couldn’t make a place
for a girl who’d seen the ocean

aus: Memories of East Texas

Das geht einem verdächtig leicht ins Ohr, klingt nach Folk, Rock und Blues und auf jeden Fall total vertraut. Akustische Instrumente überwiegen – von der Gitarre über die Mandoline und das Banjo bis hin zur Mundharmonika und Fiddle tritt hier das ganze wohlbekannte Arsenal an Instrumenten konservativer amerikanischer Musik auf. Das aber beisst sich nicht nur mit dem Cover-Foto, sondern manchmal – keineswegs durchgehend – auch mit den Texten, die Michelle Shocked sich hier auf den Leib oder die Stimmbänder geschrieben hat:

Hey girl, what’s it like to be in New York
New York City – imagine that
What’s it like to be a skateboard punk rocker

Es ist diese Ambivalenz, die bei dieser Platte für knisternde Spannung sorgt: Man spürt das Festhalten an musikalischen Wurzeln und ein tief empfundenes Gefühl für Herkunft: Memories of East Texas. Michelle Shocked wuchs ebenda bei ihrer Mutter auf, einer strenggläubigen Mormonin. Mit sechzehn Jahren hatte die rebellische Tochter die Nase voll und haute ab. Das Leben in East-Texas muss ganz schön beschränkt gewesen sein. Wenn wir der deutschen Wikipedia-Seite glauben wollen, dann veranlasste die Mutter später sogar Michelles Einweisung in die Psychatrie, Begründung: “gottlose Umtriebe”.

Der leibliche Vater war ein Hippie, Atheist und Musiker. Bei ihm hört sie Blues-LPs, aber auch einen Singer/Songwriter wie Randy Newman. Das hat sich in der Musik auf dieser LP genauso niedergeschlagen wie Michelles Interesse am Hardcore Punk à la Dead Kennedys. Klingt wie eine ziemlich wilde Mischung an Einflüssen? – So ist es auch. Aber alles wird mühelos zusammengehalten von einer fragilen und gleichzeitig starken Stimme. Wobei es für alle hier aufscheinenden Widersprüche längst eine eigene Schublade gibt: In Amerika sortiert man Michelle Shocked unter “Anti-Folk” ein. In meinem Plattenregal steht sie friedfertig neben starken Frauen aus der ihr vorausgegangenen Generation, nämlich Musikerinnen wie Joan Baez, Rickie Lee Jones und Joni Mitchell.

Nebenbei: Die oben abgebildete, 1988 bei Mercury erschienene LP klingt exzellent. Michelle Shocked hat ihr Plattenlabel später übrigens unter Berufung auf das Verbot der Sklaverei verklagt – und den Prozess gewonnen. Mercury wollte die stilistischen Wechsel der Künstlerin einerseits nicht mehr mitmachen, sie andererseits aber auch nicht aus einem auf viele Jahre angelegten Plattenvertrag entlassen.


—  2. April 2009