Platte11

Von Heinz Gelking

Milva. Das Konzert. (Metronome 2-LP-Set)

Wahrscheinlich bin ich für Milva zu jung.

Am Samstagabend durfte ich bis zehn Uhr aufbleiben und mit Mama und Papa fernsehen. Milva war die rothaarige Schlagertante mit schrecklichem Akzent, die am Samstagabend zu Peter Frankenfeld kam. Im Programm damaliger Musiksendungen war sie eine feste Größe – wie Peter Alexander oder Karel Gott. Ich glaube, dass ich damals geahnt, aber nicht begriffen habe, dass sie sich trotzdem irgendwie von den üblichen “Musik ist Trumpf”-Gästen unterschied.

Zwanzig Jahre später: Auf einer Piazzolla-CD von Gidon Kremer singt sie ein oder zwei Stücke, und ich bin hingerissen. Was für eine grandiose Stimme! Doch keine Schlagertante? Am Rande kriege ich irgendwie mit, dass die Schlagertante mit Giorgio Strehler zusammengearbeitet und sich zur anerkannten Brecht-Interpretin gemausert haben soll.

Zehn weitere Jahre später finde ich dieses Doppel-Album in einer Flohmarktkiste – für 2 Euro habe ich’s mitgenommen. Ich quäle mich durch Plattenseite 1 – vier Lieder, davon zwei von Mikis Theodorakis. Hey, Theodorakis, war das nicht in den 70er-Jahren die Ikone der Freiheit während der Obristen-Diktatur? Hat er nicht den wundervollen Song Ma liberté geschrieben? Nein, das war Georges Moustaki… Jedenfalls gilt dieser Theodorakis doch als “bedeutender” Komponist…? Warum hat er dann keine besseren Lieder geschrieben als die unsäglichen Schlager, die Milva hier singt…? Mit Plattenseite 2 wurde alles noch schlimmer. Hier dominiert die Musik von Vangelis. Nein, die Lieder sind nicht so bombastisch wie Vangelis’ Hymne für die Fußball-WM 2002. Aber genauso schlecht. Ich packe die Doppel-LP irgendwo in den Plattenschrank.


Vorhin habe ich sie da wieder rausgezogen. Kannst ja mal die nächste Seite nebenbei laufen lassen. Mit manchem betroffenheitsduseligen Schlager auf dieser Doppel-LP bleibt Milva unerträglich. Zum Beispiel mit einem italienischen Don’t cry for me Argentina – Non pianger piu’ Argentina von Webber auf Plattenseite 4. Aber auf Seite 3, als Interpretin von Eisler/ Brecht und Weill/ Brecht, da ist sie sie wirklich großartig. Ich frage mich, wie sie diesen Spagat hingekriegt hat – hier Schlagertante, dort großartige Interpretin des Bilbao Songs und des Alabama Songs sowie von Surabaya Johnny. Ihre herbe, angeschärfte, ausdrucksstarke Stimme und Brechts unsentimentale Texte (erinnert sich noch jemand an den V-Effekt aus dem Deutschunterricht?) – das passt perfekt. Und die leicht “verpopten” Arrangements können der Musik von Weill und Eisler kaum was anhaben. Die Lieder sind offenbar gegen Eingriffe ziemlich robust. Eine von vier Plattenseiten ist klasse – da haben sich die zwei Euro ja doch gelohnt!

Vielleicht bin ich für Milva inzwischen alt genug.

Ach ja, noch eine Randbemerkung: Verwunderlich, was für peinliche Covertexte 1982 möglich waren. Kostprobe? “Dieses Weib mit Gesang macht auch ohne Wein trunken”. Das ist ja kaum weniger platt als die Musik von Vangelis…

— 18. April 2007