Platte11

Von Heinz Gelking

New Model Army: Thunder and Consolation

Thunder and Consolation, EMI / FAME FA 3257 (LP), Jahr: 1989

War das noch Punk? Nein, nicht mehr. Man muss bei New Model Army für die Anzahl der Akkorde schon weiter zählen können als bis drei, und welche echte Punk-Band wäre je – wie absurd! – auf den Gedanken gekommen, Streicher einzusetzen? Außerdem erschien Thunder and Consolation 1989 bei einem Mainstream-Major-Label, nämlich EMI. Was für eine echte Punk-Band der pure Verrat gewesen wäre.

Aber auch bei EMI wurde aus der Band, die sich nach Oliver Cromwells Revolutionsarmee benannt hatte, keine Tanzkapelle zum gepflegten Nachmittagsschwofen. Ich habe sie irgendwann, in den frühen Neunzigern, mal in einem kleinen Club (Fabrik, Coesfeld) live gehört. Und bei solchen Gigs kam immer noch viel von den Punk-Wurzeln durch. Der Biss war da, und die Aussage klar. New Model Army waren für überhaupt nichts, außer für Bier, Spaß und Lautstärke, und gegen eine ganze Menge: Margaret Thatcher zum Beispiel, den Falklandkrieg, Umweltzerstörung, den durchs britische Parlament mehr beförderten als in Zaum gehaltenen Hardcore-Kapitalismus der 80er-Jahre.

The people in blue ties
rise from the podium
Crazy with power, blinded by vision
The mass-chosen leaders
for a brutalized nation

Die Anti-Haltung bringt natürlich keinen weiter, und niemand will sich die Alternative zur Demokratie vorstellen. Es gibt ja auch keine. Aber „gefühlt“ war das damals richtig. Und Spaß hat’s gemacht.

Die Protest-Haltung war clever verpackt (und schlug auch kommerziell ziemlich ein). Das Streicher-Intro von Vagabonds, aus dem sich langsam der Rhythmus herausschält, zündet immer noch, wenn ich die Platte heute höre, und es zeigt die zweite Wurzel von New Model Army: Dies ist Folk-Musik, die einer durch eine Starkstrom-Leitung geschickt hat. Auch Family Life mit akustischen Gitarren zeigt deutlich Folk-Einflüsse. Das Gute an New Model Army: Bevor sowas zu sehr nach Bob Dylan-Gezupfe klingt, vertreibt hartes Schlagzeug-Spiel jeden Gedanken daran, dass es Zeit wäre, ein paar Teelichter aufzustellen und beschaulich zu werden.


Trotzdem hat Thunder and Consolation auch was Massenkompatibles, nicht umsonst ist es das erfolgreichste Album der Band. Das subsonische Donnergrollen in The World oder die Atmosphäre strömenden Regens in Green and grey hätte auch zu einem Dire Straits-Album gepasst. Wie New Model Army überhaupt jenseits aller Schubladen vor allem eines mach(t)en: Gute Rock-Musik mit schnellen Bass-Linien, hart geknüppeltem, immer geradeaus gespieltem Schlagzeug und von Justin Sullivan schön zornig bis weltschmerzlich gesungenen Melodien. Das war gar nicht so weit weg von Bands wie The Smiths, wenn die auch eher eine Lebenskultur zelebrierten als den politischen Protest einer „Arbeiterklasse“. Als deren Sprachrohr verstanden sich New Model Army nämlich; gehört wurden sie eher von Gymnasiasten… Der Höhepunkt von Thunder and Consolation? Das allein vom Schlagzeug und ein paar Bass-Impulsen vorwärts getriebene, böse Inheritance. Nur gefühlsecht auf Vinyl und bei ordentlich aufgerissenem Lautstärkeregler!

— 25. April 2007