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Von Heinz Gelking

Nigel Kennedy Quintet mit Xantoné Blacq: "A Very Nice Album" (EMI-CD)

“Spiel nicht dieses Jazz-Zeug! Wenn ein Boss von einer Plattenfirma im Zuschauerraum sitzt, ist es mit deiner klassischen Karriere schlagartig vorbei”, hatte ihm Dorothy DeLay geraten, die amerikanische Geigenlehrerin, durch deren ebenso strenge wie effektive Schule so viele berühmte Geiger seiner Generation gegangen sind. Aber von Nigel Kennedy weiß man natürlich längst, dass er sich nicht an ihren Rat hielt – und vor allem dafür berühmt wurde anders zu sein als alle übrigen Geiger: offener, experimentierfreudiger, provokanter. Aus Nigel Kennedy, der auf seinem Debut-Album noch so brav gescheitelt aussah, wurde der Geigen-Punk. Und Dorothy DeLay hatte sich geirrt: Das Enfant terrible feierte am Schallplattenmarkt große Erfolge. Kennedys 1989 erschienene CD mit den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi soll immer noch das meistverkaufte Klassik-Album aller Zeiten sein.

Trotzdem haben wir es mit keiner Marketing-Masche zu tun. Kennedy ist ein ausgezeichneter Geiger und blieb in jeder Phase seiner Karriere ein “ernsthafter” Musiker. Typisch für ihn, dass er in diesem Jahr eben nicht nur “A Very Nice Album” veröffentlich hat, sondern mit Beethovens op. 61 und Mozarts KV 218 auch zwei Werke aus dem Kernrepertoire der klassischen Geigerei.

Jetzt also wieder das Populäre, was nach Kennedys Verständnis natürlich kein Abstieg ist: “Wer will, kann mich einen klassischen Geiger nennen. Ich selbst verstehe mich als Musiker, der einfach Musik spielt – und nicht nur eine Art von Musik.” Seine Liebe zum Jazz ist ehrlich und dauert lang – schon Stéphane Grappelli hatte den sechzehnjährigen Nigel Kennedy eingeladen, mit ihm in der Carnegie Hall aufzutreten.

Wobei “A Very Nice Album” kaum bei Grappelli anknüpft und wenig mit einem klassischen Jazz-Album für ein Instrumental-Quintett gemein hat. Der Mix der Stile zwischen Jazz-, Folk-, World- und Rockmusik erinnert schon eher an die Musik des französischen Fusion-Violinisten Jean-Luc Ponty. Dabei kann der elektrifizierte, verphaste, mit künstlichem Hall angereicherte Sound von Kennedys Elektro-Geige richtig rocken. Und auch die übrigen Musiker aus dem Kennedy Quintett verstehen sich darauf, die Musik grooven zu lassen. Außerdem mit an Bord: Xantoné Blacq, manchem vielleicht als Musiker aus der Band von Amy Winehouse bekannt. Aber nicht nur dessen Soul-Stimme ist zu hören, auch Nigel Kennedy selbst singt… Der Geiger und Komponist – alle Stücke stammen von ihm! – ist eben immer noch ein bißchen Punk.

Dicke Empfehlung!


— 23. Juli 2008