Platte11

Von Heinz Gelking

Nikolai Rimski-Korsakow, Scheherazade, Royal Philharmonic Orchestra, Sir Thomas Beecham, EMI ASD 251

Zugegeben, unter Schallplattensammlern gibt es eine noch bekanntere, noch gesuchtere Aufnahme dieser populären sinfonischen Dichtung von Nikolai Rimski-Korsakow, nämlich die „Living Stereo“-LP von Fritz Reiner mit dem Chicago Symphony Orchestra (RCA LSC-2446). In vieler Hinsicht ist die Scheherazade-Aufnahme von Sir Thomas Beecham dazu eine wundervolle Alternative.

Sicher, Beecham zeigt sich hier nicht als Präzisionsfanatiker – da hatte Fritz Reiner ihm etwas voraus. Doch Sir Thomas gibt den solistischen Stimmen im Orchester große gestalterische Freiheit – sinnvoller Weise, denn schließlich soll die Musik ein Märchen erzählen und kein Referat halten. Gehört nicht zu einer Märchenerzählung ein Moment des Raunens, des geheimnisvollen Anhebens der Stimme, der aufflackernden Emotion? – Alles das machen Beechams Musiker viel mehr zu ihrem Anliegen als die etüdenhafte Präzision, und lässt man sich als Hörer darauf ein, so ist’s berauschend schön. Und wunderbar farbenprächtig – kein Wunder bei Rimski-Korsakows effektvoller Instrumentation, wo schmetterndes Blech den brutalen Sultan und zarte Violinsoli (hier von Steven Staryk gespielt) die schöne Scheherazade verkörpern.

Die Tontechniker dieser vor 1961 entstandenen Aufnahme haben großartige Arbeit geleistet: Da faucht das Blech anmaßend und stolz, fahren jubelnd die Streicher auf, gibt’s Dynamik in allen Extremen zwischen Flötenhauch und massiven Orchestereinsätzen, bei dem auch frisch gestärkte Hosenbeine das Flattern kriegen und vor Schreck ihre Bügelfalte verlieren. EMI ASD 251 macht einfach einen Riesenspaß. Und ist mir persönlich weitaus lieber als RCA LSC-2446, um das noch mal klar zu sagen.

(Dieser Artikel gehört zu den hier angekündigten Texten über sammelnswerte und nachgepresste LPs von EMI. Leider sind aktuell allerdings offenbar nicht mehr alle Reissues im Handel. Der Text beruht auf dem Stand von 3/2000, als er erstmals erschien. Weil EMI-LPs für Plattensammler allerdings immer ein Thema sind, auch unabhängig von der Existenz dieser Reissues, habe ich den Text hier trotzdem noch einmal veröffentlicht)


— 25. Juni 2009