Platte11

Von Heinz Gelking

Pepe Justicias: trece noces

Im typischen Flamenco-Ensemble blieben geradezu archaische Musizierweisen erhalten: Canta – der Gesang, Palmas y jaleos – Händeklatschen und Rufen, Taconeos – das rhythmische Stampfen von Tänzerinnen und Tänzern, Bateria – eine Vielfalt an Percussionsinstrumenten. In dieser Umgebung kommt es für einen Gitarristen nicht auf einen besonders schön modulierbaren und lange nachklingenden Ton an, sondern auf Durchsetzungsfähigkeit. Eine Flamenco-Gitarre muß laut sein. Darum haben die Instrumente eine besondere Bauform. Sie sind schmaler als normale Konzertgitarren, und Decke, Boden und Zarge sind dünner ausgeführt. Hinzu kommt eine besondere Spielweise mit einem großen Repertoire an Zupf- und vor allem Schlagtechniken. Wenn Pepe Justicia spielt, dann ist er von Carlos Santana auch nicht weiter entfernt als von Andrés Segovia. Die Gitarre entfaltet unter seinen Händen einen geradezu explosiven, extrem dynamischen Klang – das „rockt“.

Der Horizont des Spaniers ist weit. Pepe Justicia fühlt sich von Paco di Lucia und Carlos Santana über klassische Komponisten wie Tárrega, Albeniz und Sor bis hin zu den Beatles oder Credence Clearwater Revival beeinflusst. Er hat wichtige Preise bekommen und mit Stars wie Nina Corti gearbeitet.Die Stücke auf seiner neuen CD, trece noches (= dreizehn Nächte), sind rhythmisch sehr variabel. Einerseits ist diese Vielfalt der Rhythmen, die manchmal sogar innerhalb eines Stückes wechseln, im Flamenco immer schon angelegt, schließlich unterscheiden sich seine verschiedenen Formen nach dem jeweils zugrunde liegenden Tanzrhythmus wie Tangos, Tanguillo Buleria, Rumba und so weiter. Doch Pepe Justicia ist noch weiter gegangen und betont die rhythmische Vielfalt, indem er mit nicht weniger als fünf verschiedenen Percussionisten an den Stücken für trece noches arbeitete (und überraschender Weise sogar mit einem deutschen Trompeter, nämlich Bernhard Münchbach).

Der Flamenco ist eine widersprüchliche Kunst – enorm stilisiert in seinen Ausdrucksmitteln und gleichzeitig spontan im Ausdruck selbst, immer aber: mitreißend. Pepe Justicia spielt ihn mit äußerster Virtuosität und großer Hingabe.

Die Aufnahmen wurden von dem Gitarristen Thomas Vogt abgemischt. Er betreibt in Freiburg ein Tonstudio und hat viel Erfahrung mit Gitarrenaufnahmen. Die Musik klingt enorm dynamisch, druckvoll und vorwärts gerichtet. Sie springt den Hörer fast zu direkt an. Das Stereo-Panorama ist breit. Pepe Justicias Gitarre kommt für meinen (allerdings auch sehr puristischen) Geschmack etwas zu groß rüber. Aufnahmetechnisch ist das wegen einer relativ “dichten” Mikrofonierung eher am Pop oder Jazz orientiert, als an dem Ideal, den Klang der Instrumente im Raum aufzuzeichnen (wie das Klassik-Labels wie MDG oder Tacet machen). Trotzdem: Das direkte Klangbild passt gut zur Musik und vermittelt Live-Feeling.

— 11. April 2007