Platte11

Von Maria Stein

Peter Kooy, La Chapelle Royale, Philippe Herreweghe: Kantaten BWV 82, 56 & 158

Die titelgebenden Eingangsarien der Kantaten BWV 82 („Ich habe genug“) und BWV 56 („Ich will den Kreuzstab gerne tragen“) haben manchen Interpreten dazu verführt, hier gleichsam in die Rolle des singenden Ichs aus den Arientexten zu schlüpfen und die Musik ziemlich dramatisch aufzufassen. Wenn jemand das so großartig kann, wie Thomas Quasthoff, der vor einiger Zeit exakt dasselbe Programm aufgenommen hat (Deutsche Grammophon), spricht nicht dagegen.
Peter Kooy wählte 1991 einen vollkommen anderen Weg. Sein Ausgangspunkt ist keine Rolle oder Figur, die zur Darstellung zu bringen wäre, sondern der pure Kantatentext. Insofern erinnert Kooys Singen an meisterhafte Liedinterpretation. Auf große, ausladendende vokale Gesten verzichtend, bewegt er sich beispielsweise im Kontrast zwischen leisem und lautem Singen in weitaus moderaterem Fahrwasser als Quasthoff. Trotzdem, ja auch wenn es widersprüchlich klingt: gerade darum erfasst er den Ausdrucksgehalt von Musik und Text noch besser – weil sich bei Kooy keine „Interpretation“ und schon gar kein „Rollenentwurf“ zwischen Musik und Hörer schiebt. Er wählt seine Ausdrucksmittel fein und setzt sie dezent ein. Peter Kooy entfaltet seine samtige, an den Klang einer Gambe erinnernde Stimme vollkommen unforciert. Sie klingt satt und resonant, aber im Kern auch ein wenig weich – bei anderem Repertoire würde man bei dieser Stimme vielleicht Tragfähigkeit und Metall vermissen, aber für Geistliche Musik des Barock ist sie ideal. Kooy bindet Konsonanten sanft in die Gesangslinie ein, singt trotzdem mit hervorragender Textverständlichkeit und führt Koloraturen mit – vor allem für eine tiefe Männerstimme – erstaunlicher Beweglichkeit aus. In der ersten Arie der Kreuzstab-Kantate formt er singend lange, anmutige Bögen, und eine Arie wie Schlummert ein, ihr matten Augen bekommt in Kooys Interpretation geradezu balsamische Qualitäten. Auch den verhaltenen Jubel einer Arie wie Endlich, endlich wird mein Joch/ wieder von mir weichen müssen erfasst Peter Kooy wunderbar. Beim guten, aber auch ein wenig monochrom klingenden Orchester La Chapelle Royale sind die vorzüglichen Violin-Soli von Monica Huggett und die Oboen-Soli von Marcel Ponseele hervorzuheben.

Fazit: Johann Sebastian Bachs bedeutendste Bass-Kantaten wunderschön gesungen – und als Wiederveröffentlichung in der musique d’abord-Reihe spottbillig!

J.S.Bach
Baß-Solokantaten BWV 82, 56 & 158
Peter Kooy, La Chapelle Royale, Philippe Herreweghe
Harmonia Mundi France HMA 1951365


—  9. August 2007