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Von Heinz Gelking

Pinchas Zukerman, Symphonie-Orchester des BR, Rafael Kubelik: Tschaikowsky, Violinkonzert und Sinfonie Nr. 4 (Audite-CD 95.490)

Short Summary in English: Tchaikovsky’s Violin Concerto has probably never been played again as natural as by the 21-year-old Pinchas Zukerman in 1969.

Ursprünglich hatte ich diese Live-CD im Rahmen eines bei Hifi & Records erschienen Tschaikowsky-Artikels (Heft 1/2010) vorstellen wollen. Das München-Debüt von Pinchas Zukerman aus dem Jahr 1969 gehört nämlich gewiss zu den vier, fünf bedeutendsten Aufnahmen des wahrlich oft genug eingespielten Violinkonzerts D-dur op. 35. Aber dann habe ich das Thema meines Artikels doch stärker eingegrenzt und den Fokus auf ältere, rein russische (beziehungsweise sowjetische) Interpretationen der Sinfonien Nr. 4, 5, 6 gelegt. Den entsprechenden Aufnahmen von Jewgeni Mrawinski, Jewgeni Swetlanow und Gennadi Roschdestwenski gab ich viel Raum. Sie unterscheiden sich gewaltig von der Art und Weise, wie Tschaikowsky damals in Westeuropa oder Amerika (George Szell, Herbert von Karajan,...) gespielt wurde. Ergänzend dazu stellte ich im Überblick ein paar legendäre Aufnahmen des ersten Klavierkonzerts von Tschaikowsky vor. Für mich immer noch ein wenig vorne: Emil Gilels mit dem Chicago Symphony Orchestra unter der Leitung von Fritz Reiner, 1955. Wie auch immer: Diese CD ging durch die Themenverengung unter.

Vorgestern habe ich Zukermans Aufnahme des Violinkonzerts noch einmal gehört – ein guter Anlass, mich doch noch kurz und zusammenfassend dazu zu äußern (die CD ist an und für sich allerdings schon oft besprochen worden – auf der Internetseite von Audite sind viele Rezensionen abrufbar).

Man lasse sich nicht durch die Dramaturgie beirren, die auch von Audite bei der Veröffentlichung der CD noch einmal hervorgehoben wird: Mag wohl sein, dass Pinchas Zukerman am 25. April 1969, gerade einmal 21 Jahre alt, für den „kurzfristig erkrankten“ Nathan Milstein „eingesprungen“ war. Auf der anderen Seite gehören solche überraschenden Debüts seit jeher zu einer Künstlerbiographie und werden dann im Nachhinein gerne zum alles entscheidenden Moment stilisiert. Der aber hatte für Zukerman wohl schon zwei Jahre vorher stattgefunden. 1969 hatte er nämlich am Leventritt International Competition teilgenommen, damals einer der prestigeträchtigsten Wettbewerbe für Geiger und Pianisten. Pinchas Zukerman teilte sich den Sieg mit Kyung Wha Chung – wahrlich ehrenvolle „Konkurrenz“.

Dass ein solcher Wettbewerbssieger gute Nerven und eine exzellente Technik besitzt, darf man voraussetzen. Dem virtuosen Glanz des Violinkonzerts, das Leopold Auer, der berühmte Widmungsträger, noch für „unspielbar“ hielt, bleibt Zukerman nichts schuldig. Aber technisch hatten sie es ja damals alle drauf, die jungen Absolventen der beiden vorherrschenden Virtuosenschmieden von Moskau und New York. Doch kaum einer spielte so reif wie Pinchas Zukerman. Seine Technik funktionierte offenbar tatsächlich wie von alleine (jedenfalls gelingt es dem jungen Geiger, diesen Eindruck zu erwecken). Und diese verlässliche Grundlage geht als Überschuss in die Interpretation ein: Obwohl Zukerman objektiv keineswegs langsam spielt, scheint er subjektiv mehr Zeit zu haben, Melodien auszukosten, musikalischen Sinn zu stiften, den in der Grundtendenz warmen Klang seiner Geige zu variieren und rhythmische Spannung aufrecht zuerhalten. Auch nicht einen Moment lässt Zukermans Konzentration in diesem wundervollen Konzertdokument nach. Am 25. April 1969 gab er in jeder Sekunde einhundert Prozent. Das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Rafael Kubelik ist dem jungen Geiger im Großen und Ganzen eine gleichwertiger Partner, nur die Klarinette hatte wohl nicht ihren besten Tag.

Die Klangqualität? Rundweg gut, vor allem angesichts des Aufnahmedatums. Nach meinem Eindruck klingt der Anfang des Mittelsatzes allerdings etwas verfärbt und insgesamt schlechter als der Rest dieses unverzichtbaren Tondokuments.

Auch die Aufführung der Sinfonie Nr. 4 f-moll op. 36 überzeugt; die Vollkommenheit von Zukermans Tschaikowsky-Interpretation erreicht sie aber nicht.

—  3. Oktober 2010