Platte11

Von Heinz Gelking

Ragna Schirmer spielt die Années de Pèlerinage von Franz Liszt

Berlin Classics 0300121BC (3-CD-Box)

Ragna Schirmer hat die Années de Pèlerinage aufgenommen. In dem Zusammenhang reiste sie auch an Orte, die in diesen „Wanderjahren“ von Franz Liszt eine Rolle spielen. Von da brachte sie Fotos und Notizen mit wie „Arqua di Petrarca ist ein Ort, der mich berührt“ oder „Ich kann mir gut vorstellen, dass man hier Liebesgedichte schreibt“. Und so füllt sich das 43-seitige Booklet zu dieser 3-CD-Box mit Gefühl statt Information. Ragna Schirmer, diese mit einigem Recht bedeutendste deutsche Pianistin der Gegenwart, eine gestandene Frau von Ende Dreißig, leistet ihrer Reputation hier einen Bärendienst. Und auch der Emanzipation, nebenbei gesagt. Kann sich jemand vorstellen, dass ein männlicher Kollege für so ein „Poesiealbum“ seinem Tonträger-Label zur Verfügung stehen würde?

Befremdlich auch die Idee, Liszts Années de Pèlerinage mit mehrstimmiger Vokalmusik der Renaissance anzureichern. So schön das Ensemble Amarcord seinen Gesualdo und Marenzio auch singt – ich habe es als Belästigung empfunden, wenn beispielsweise nach Les jeux d’eaux à la Villa d’Este unvermittelt Vokalmusik statt des vertrauten Sunt lacrymae rerum (En mode hongrois) kommt. Natürlich lässt sich eine Verbindung zur italienischen Renaissance irgendwie herleiten, schlau argumentieren kann man immer. Liszt selbst stellt einen Bezug zur Renaissance ja mit Stücken wie Après une lecture de Dante her. Aber aus Sicht des CD-Käufers, der in erster Linie eine gute Aufnahme der Années de Pèlerinage erwerben will, erschliesst sich der Sinn des „kreativen“ Programms nicht.

Was bleibt übrig, wenn man alles das beiseite räumt und sich allein auf die Années de Pèlerinage konzentriert? Eine rundum empfehlenswerte Aufnahme. Wir haben uns ja daran gewöhnt, dass die deutschen Liszt-Koryphäen wie Markus Groh, Michael Korstick oder Klaus Sticken ihre zweifellos vorhandene Virtuosität weniger ostentativ als zum Beispiel Boris Beresowski einsetzen. Auch Ragna Schirmer kann man in Zukunft zu den wichtigen Liszt-Interpreten rechnen. Dabei zählt sie noch mehr als ihre Kollegen zu denjenigen Pianisten, die alles unter Kontrolle halten. Sie spielt die Années de Pèlerinage sozusagen mit einem genauen Plan in der Tasche – eher unbedingt werkgetreu als unbedingt spontan. Für Exzentrisches, Raffiniertes oder auch eine anmaßende virtuose Geste bleibt da weniger Raum; am ehesten – natürlich – noch im Première Année. Sie hat die Kraft (und die Geduld) für große Forte-Steigerungen und besitzt den Geschmack, sie nicht in bombastische Leere laufen zu lassen. Mindestens genauso eindrucksvoll aber ist ihr wacher Sinn für die Klangfarben und Klangreize im Troisième Année. Die von Ragna Schirmer gewählten Tempi liegen im Vergleich zu Kollegen wie Lazar Berman, Alfred Brendel oder Louis Lortie im vorderen Mittelfeld. Sie sind nicht extrem, aber zügig. Technisch bewältigt sie die Années de Pèlerinage absolut souverän. Ragna Schirmer leistet sich nicht die geringsten Nachlässigkeiten, sie spielt auch Schwieriges bewundernswert deutlich.

Eine Interpretation mit einer Nähe zum Lehrbuch: durchdacht, geformt und makellos bewältigt. Die Années de Pèlerinage sind ohnehin kaum mehr das Werk eines komponierenden Virtuosen, der Europa in den Bann schlägt; das dreiteilige Werk entstand über Jahre; auch wenn die Wurzeln weit zurück liegen, stellte Liszt es erst fertig, als er schon auf dem Rückzug aus der Öffentlichkeit war. Ragna Schirmer im Gespräch mit Beatrice Schwartner vom MDR über Liszt und sein Werk: “Ich glaube, dass er sich auf eine innere Reise gemacht hat. Es geht sehr selbstbewusst los: Die Schweiz und die Alpen und die Beschreibung der Naturereignisse sind noch sehr konkret. Im dritten Jahr wird es spirituell, nachdenklich, zweifelnd, suchend. Also für mich ist das eine Reise vom Außen zum Innen.” Es gelingt Ragna Schirmer gut, das hörbar zu machen.

Die Klangqualität der CDs ist exzellent.

—  2. Dezember 2011