Platte11

Von Heinz Gelking

Sara Tavares: Balancê!

Was für eine Stimme! Glockenhell windet sie sich locker, leicht und schwerelos durch die komplizierten Texte einer uns fremd anmutenden Sprache. Es ist die Sprache von Einwandererkindern, wie Sara Tavares erklärt: “Wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, dann sprechen wir eine Mischung aus portugiesischer Umgangssprache, Slang aus Angola und kapverdischem ‘crioulo’, das wiederum viele Lehnworte aus dem Englischen und Französischen enthält.“ Wer sich zu solchen Texten jetzt eines dieser Watte-Stimmchen vorstellt, wie sie in audiophilen Produktionen gerne in ein exotisch-erotisches Latin-Kleidchen gesteckt werden, befindet sich auf dem Holzweg. Sara Tavares’ Stimme hat Kern und Kontur. Sie musste früh lernen, sich durchzusetzen.

Sara Tavares wuchs ohne Eltern auf. Ihr Vater ging nach Amerika, und auch die Mutter verschwand. Eine ältere Portugiesin kümmerte sich um das Mädchen. Als Fünzehnjährige gewann Sara Tavares den Ausscheidungswettbewerb für die Teilnahme am Eurovision Song Contest in Dublin 1994. Dort erreichte sie den achten Platz. Zumindest in Portugal war sie jetzt bekannt; sie trat regelmäßig im Fernsehen auf. 1996 erschien ihr Debüt-Album “Shout”, 1997 nahm sie für die Walt Disney-Produktion “Der Glöckner von Notre Dame” den Song God Help The Outcast auf – Sara Tavares war auf dem Weg ein Mainstream-Markenartikel wie Whitney Houston zu werden. In dieser Zeit lernte der nigerianische Musiker und Produzent Lokua Kanza sie kennen. Er hatte sich durch die Arbeit mit Leuten wie Ray Lema, Papa Wemba, Manu Dibango, Miriam Makeba und Youssou N’Dour einen Namen gemacht und konnte Sara Tavares davon überzeugen, ihr nächstes Album mit ihm zu produzieren. 1998 stellte sie ihre öffentlichen Auftritte ein, reiste nach Afrika, arbeitete mit Künstlern von den kapverdischen Inseln zusammen. Im Jahr 2001 erschien mit “Mi Ma Bô” ihr zweites Studioalbum. Es soll “international viel Anerkennung” erfahren haben. An mir ging es vollkommen vorbei; aber das gilt für jede Form portugiesischer Musik außerhalb so bekannter Acts wie Mísia und Madredeus.


In der Pop-Musik liefert die sprichwörtliche “schwere Kindheit” oft den Grund für dreckige Zoten, die im Sprechgesang vorgetragen und von schmierigen Gesten begleitet werden. Sara Tavares geht einen anderen Weg, den Weg der Sanftmut. Ihre Musik bohrt sich mit der Wucht eines Wassertropfens, der bekanntlich einen Stein aushöhlen kann, ins Ohr. Dabei hilft ihr die beschwörende, trance-artige Wiederholung des immer selben Satzanfangs wie in amor é oder eine Melodie, die ohne jeden Widerhaken ins Bewusstsein gleitet und sich dort über Tage einnistet, so wie bom feeling. Das Wunderbare dabei: Sara Tavares’ Musik klebt und schwitzt nicht. Sie ist spielerisch und nachdenklich, heiter und melancholisch und benötigt dafür, um glaubwürdig zu sein, keine ironische Brechung. Einen schmalen Grad zwischen ambitioniertem Songwriting, Weltmusik, Ethno-Pop und Formatradio-Tauglichkeit schreitet Sara Tavares da ab. Noch gelingt ihr der Spagat.

Kritik? Ja. Und zwar an der Produktion. Einzelne Titel haben geradezu “audiophile” Qualitäten und sind exzellent produziert (Produktion/ Arrangement: Sara Tavares, Aufnahme: Jorge Barata, Editing: Sara Tavares und Samuel Henriques). Darum zählen für mich vor allem das sparsam instrumentierte guisa sowie de nua, der letzte und durch Trommeln afrikanisch eingefärbte Song, zu den Höhepunkten dieser CD. Das sind feine audiophile Perlen. Bei anderen Titeln drängeln sich fast zu viele Saiten- und Percussion-Instrumente im Klangbild nach vorn, und die Stimme von Sara Tavares gerät fast zu stark in den Hintergrund. Der enorme Druck, der sich bei einem Titel wie dam bô im Bass aufbaut, kann dann auch mal nerven. Auf der anderen Seite leben Sara Tavares’ Lieder von den sich locker entfaltenden, tänzerischen Rhythmen, und ein Trommelschlag, der irgendwo weit hinten im Klangbild verpuffen würde, könnte eigentlich gleich zuhause bleiben. Er ginge in diesem lebhaften Sinnenfest sowieso unter.

— 11. April 2007