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Von Heinz Gelking

Sergei Prokofjew: Sinfonie Nr. 5 B-dur op. 100 (auf LP antiquarisch und reissued, teils auch auf CD)

Prokofjew komponierte diese Sinfonie 1944, mitten im Krieg. Wie Kabalewsky, Schostakowitsch und andere Komponisten, befand auch er sich in Iwanow, einem kleinen Ort in Zentralrussland, nördlich von Moskau. Am Rand des Nachbardorfes war für die Komponisten ein kleines Haus als Arbeitsstätte angemietet worden. Dahin ging Prokofjew jeden Morgen mit strikter Regelmäßigkeit, um an seiner Sinfonie zu arbeiten. Am 13. Januar 1945 wurde sie in Moskau uraufgeführt.

“Mit dieser Sinfonie wollte ich ein Lied auf den freien und glücklichen Menschen anstimmen, seine schöpferischen Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit. Ich kann nicht sagen, dass ich dieses Thema ausgesucht hätte – es entstand in mir und verlangte nach Ausdruck”, beschrieb Prokofjew – wohl auch ideologisch eingefärbt und sich selbst stilisierend – im Jahr 1951 seine Motivation. Übrigens starb Prokofjew am selben Tag wie Stalin, nämlich am 5. März 1953, so dass der Tod des Komponisten in der Öffentlichkeit vollkommen unterging und nicht einmal Blumen als Grabschmuck verfügbar waren.

Opus 100 besteht aus vier Sätzen, wobei einem langsameren jeweils ein schnellerer folgt. Die Satzbezeichungen sind: Andante, Allegro marcato, Adagio, Allegro giocoso. Prokofjew weicht damit – wie fast alle Komponisten des 20. Jahrhunderts – von der traditionellen Satzfolge ab, bei welcher der langsame Satz gewöhnlich an zweiter Stelle steht und die er bei seiner “klassizistischen” Sinfonie Nr. 1 D-dur op. 25 ganz genau befolgt hatte. Die Partitur erfordert ein groß besetztes Sinfonieorchester mit recht umfangreichem Schlaginstrumentarium und Klavier. Die Spieldauer beträgt rund 45 Minuten.

Prokofjews fünfte Sinfonie ist verhältnismäßig populär; sie gehört neben dem musikalischen Märchen Peter und der Wolf und der 1. Sinfonie mit dem Beinamen Symphonie classique zu den am häufigsten aufgenommen Werken des russischen Komponisten. Ihre Beliebtheit beruht vermutlich darauf, dass der Komponist dem Gebot der Verständlichkeit des Sozialistischen Realismus folgte. Prokofjews kühnere Sinfonien Nr. 2 und Nr. 3 sind in der Schallplattengeschichte jedenfalls längst nicht so häufig aufgenommen worden, und einmal mehr scheint der Klassikmarkt der freien Welt die Linie der sowjetischen Zensoren zu bestätigen. * Wegen der Klangballungen und der Farbigkeit des Orchestersatzes wurde Prokofjews fünfte Sinfonie auch in HiFi-Kreisen bekannt – spätestens mit der in exemplarischer Aufnahmetechnik dokumentierten Interpretation Antal Doratis und des Minneapolis Symphony Orchestra auf Mercury SR90258.

Amerikanische Brillanz

Obwohl seine Kollegen ebenso wie er fast alle aus Europa stammten, war George Szell während der Zeit der frühen Stereo-LP der wohl europäischste unter den in Amerika tätigen Dirigenten. Das Cleveland Orchestra hielt unter seiner Leitung wie kein anderes amerikanisches Orchester europäische Klangideale hoch und verband diese mit einer auch in Europa nirgendwo anzutreffenden Spielkultur der Streicher, die eine atemberaubende Präzision und Perfektion an den Tag legten und so biegsam und reaktionsschnell wie ein Streichquartett agierten. Das machte Szell und sein Orchester zu den kompetentesten Interpreten klassischer und romantischer Orchestermusik auf dem amerikanischen Kontinent.

Prokofjews Sinfonie aber war Musik der Gegenwart. Und Szell dirigiert sie entsprechend anders als zum Beispiel die Sinfonien von Brahms oder Schumann, von denen er so fantastische Aufnahmen gemacht hat. Im Oktober 1959 fanden die Aufnahmen für die Fünfte von Prokofjew statt; abgebildet ist mit CBS 61716 eine deutsche Ausgabe der LP aus dem Jahr 1976. Niemand wird sich aus “audiophilen” Motiven für die Platte interessieren. Sie klingt zwar nicht schlecht, aber etwas hell und ohne Tiefe – typisches CBS-Vinyl eben. Doch das Orchester spielt fabelhaft. Vor allem die technisch anspruchsvollen, virtuosen Passagen der beiden schnellen Sätzen geben ihm Gelegenheit zu glänzen. Sie gelingen hinreißend, und der Anfang des Allegro marcato steckt voller Witz, bei dem Holzbläser und Streicher die Pointen unter sich aufteilen. Im Ganzen betrachtet, gerät die Sinfonie dabei beinahe zu einem Showpiece, vergleichbar mit den Orchestersuiten Gayaneh oder Spartakus von Aram Chatschaturjan. So effektbewusst und brillant dirigierte der sonst so seriös und betont nüchtern wirkende George Szell normalerweise nicht. Aber vielleicht erfasst er gerade damit den Charakter von Prokofjews auf Außenwirkung bedachter und auf Überwältigung angelegter Musik nur angemessen.

Die audiophile Aufnahme

Das eher kleine amerikanische Plattenlabel Mercury war bekannt für seine puristische Aufnahmetechnik, die es unter der Bezeichnung Living Presence zu seinem Markenzeichen machte. Im November 1959 hängte ein von Wilma Cozart und Harold Lawrence geleitetes Aufnahmeteam von Mercury drei Mikrofone an akustisch optimalen Orten ins Nortrop Memorial Auditorium, um den Klang des ortsansässigen Sinfonieorchesters ohne jede Kompression von lauten Passagen und ohne jede Anhebung leiser Stellen aufzunehmen. Living Presence sollte nach Vorstellung der Verantwortlichen beim Plattenlabel für einen “ehrlichen” Klang ohne jede Manipulation stehen. Diesen Anspruch erfüllt Mercury SR90258 mit einer außergewöhnlich natürlichen Abbildung des Sinfonieorchesters in einem weiten Stereopanorama mit glaubwürdigen räumlichen und dynamischen Verhältnissen zwischen den Instrumentengruppen.

Der aus Ungarn stammende Dirigent Antal Dorati leitete während der Aufnahme das Minneapolis Symphony Orchestra. Er hatte es rund zehn Jahre zuvor von Dmitri Mitropoulos übernommen. Immer wieder gelang es Dorati, nicht ganz so berühmte Orchester auf ein technisches und musikalisches Niveau zu bringen, das der Schallplatte würdig war. Seine ziemlich umfangreiche Plattenkarriere – mit einer Gesamtaufnahme aller Sinfonien von Joseph Haydn als Höhepunkt – fand weitgehend abseits der Weltklasse-Klangkörper aus Amsterdam, Wien oder Berlin, aus Boston, Cleveland oder Chicago statt. Zugegeben, auch das Minneapolis Symphony Orchestra erreicht hier nicht ganz die geschliffene Präzision des Cleveland Orchestras unter der Leitung von George Szell oder den Luxusklang von Karajans Philharmonikern, aber insgesamt ist die Orchesterleistung ebenso überzeugend wie Doratis vergleichsweise ruhige, aber doch nicht zahnlose Herangehensweise.

Übrigens wurde Mercury SR90258 vom Reissue-Label Speakers Corner Records in fabelhafter Qualität nachproduziert. Allerdings besitze ich nur dieses Reissue und kein “Original” zum Vergleich.

Prokofjew im Luxusklang

Herbert von Karajan war mit den Berliner Philharmonikern 1967 seit über zehn Jahren zusammen; das Orchester und er befanden sich in der musikalisch produktivsten Phase ihrer gemeinsamen Arbeit. In dieser Zeit nahmen sie die Prokofjew-Sinfonie auf. Sie erschien als DGG SLPM 139040.

Karajan hat sich nicht allzu oft moderner Werke angenommen, und wenn er es tat, dann fiel seine Wahl am ehesten auf Stücke wie Prokofjews Fünfte oder Schostakowitschs Sinfonie Nr. 10 e-moll op. 93 (auf DGG SLPM 139020), Musik mithin, die zum Aufnahmezeitpunkt schon “durchgesetzt” war und weder für ihn, noch für die Deutsche Grammophon ein Wagnis darstellte. Karajan kam mit seiner Aufnahme der Sinfonie Nr. 5 von Prokofjew – bei etwas ruhigeren Tempi – nicht ganz an die Virtuosität der Einspielung von George Szell heran, noch erreicht er die Ausdruckskraft von Paul Kletzki. Trotzdem spielen die Berliner Philharmoniker exzellent. Man hört einmal mehr, dass dieses Orchester über weltbekannte Solisten an den Pulten der Holzbläser verfügte und einen Streicherklang von einer dunklen und intensiven Farbe besaß sowie ungewöhnlich kultiviert spielende Blechbläser. Nicht nur darum halte ich DGG SLPM 139040 für eine der Karajan-Einspielungen, die man haben muss und die – bei aller oft berechtigten Kritik an diesem Interpreten – Bestand haben wird. Er legt die Sinfonie eher großflächig und weniger auf die Struktur und das korrespondierende Ineinandergreifen der Orchestergruppen an, als auf Klänge und Farben, Steigerungen und Wirkungen. Man könnte sagen: Er interpretierte Prokofjew mit einem raffinierten Klangsinn wie er auch Debussy angemessen wäre. Wobei nicht verborgen bleibt, dass Prokofjew mit einem vollkommen anderen, nämlich russischen Material malt als der Franzose und seine Musik kraftvoller und grober ist. Wenn allerdings nach den Kulminationspunkten der Fortissimo-Schläge im ersten Satz die Streicher in changierenden und irisierenden Farben aufleuchten, dann hören wir Klänge, zu denen kein anderes Orchester und kein anderer Dirigent bei Prokofjew gefunden hat. Die Sinfonie erscheint in dieser Interpretation viel weniger “volksnah” als gewohnt. Durch Karajans Brille gesehen, leistet der Sowjet-Komponist sich hier ein fast schon dekadentes Spiel mit den luxuriösen und vielfältigen Klangmöglichkeiten eines Sinfonieorchesters.

Die DGG SLPM 139020 klingt übrigens richtig gut, obwohl das Aufnahmeteam um Otto Gerdes, Hans Weber und Günter Hermanns gewiss nicht so puristisch wie die Mercury-Kollegen gearbeitet hat.

Prokofjew wie Mahler

Der in Polen geborene Dirigent Paul Kletzi nahm Prokofjews Opus 100 im Jahr 1964 mit dem Philharmonia Orchestra für die Schallplatte auf. Die Einspielung erschien u.a. als EMI CFP 200, also in der preiswerten Classics for pleasure-Reihe des britischen Plattenlabels.

Paul Kletzki war kein “raffinierter” Dirigent wie Herbert von Karajan und weniger an Orchestervirtuosität interessiert als George Szell. Seine Interpretation der fünften Sinfonie von Prokofjew hat den nervösen und leidenschaftlichen Unterton bester Mahler-Interpretationen. Das Philharmonia Orchestra spielt ungewöhnlich ausdruckstark. Der satte Klang seiner Streicher sorgt dafür, dass die Musik erdverbunden mit voller Kraft voraus läuft, während das Spiel der Holzbläser, vor allem der Klarinetten, hier oftmals auf osteuropäische Klezmer-Traditionen zu verweisen scheint.

EMI CFP 200 klingt beinahe so gut wie Mercury SR90258, ist aber musikalisch aufregender, ja unter den hier vorgestellten LPs (von denen ich keine missen möchte) ist sie mein Favorit.


— 17. Januar 2008