Platte11

Von Heinz Gelking

Sing! Inge, Sing! - Aufnahmen von Inge Brandenburg

Das Jazz-Festival in Antibes zeichnete Inge Brandenburg 1960 als beste europäische Sängerin aus. Aber ihre Karriere war längst nicht so beständig wie die von Kollegen, mit denen sie in den folgenden Jahren auftrat, etwa Kurt Edelhagen, Albert Mangelsdorff oder Wolfgang Dauner. Plattenfirmen gegenüber galt sie als kompromisslos. Die hätten gerne einen Schlagerstar aus ihr gemacht. In jedem Text über sie findet man außerdem Andeutungen hinsichtlich ihrer Launenhaftigkeit und einer Neigung zum Alkohol. Wie hätte die 1929 geborene Sängerin auch festen Boden unter den Füßen haben sollen: Ihr Vater, ein Kommunist, war im KZ Mauthausen und nahm sich 1941 das Leben. Ihre Mutter wurde 1943 im KZ Ravensbrück erschossen. Inge Brandenburg wuchs in einem Heim in Bernburg auf.

Nach dem Krieg ging sie in die amerikanisch besetzte Zone. In GI-Clubs lernte sie den Jazz kennen und entwickelte sich zur Jazz-Interpretin. Swing und Blues waren die Basis eines Repertoires, das sie mit dunklem Timbre, frappierendem Sinn fürs Timing und enormem Feeling sang. Im Jahr 2011 kam ein Film von Marc Boettcher über ihr Leben heraus: Sing! Inge, Sing! – der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg. Parallel dazu eine CD mit 22 Titeln, von denen 20 bis dato noch nie veröffentlicht waren. Sie stammen überwiegend aus Rundfunkarchiven und entstanden zwischen 1959 und 1995. Die CD war 2012 auf der Bestenliste des Preises der Deutschen Schallplattenkritik.

Mir ist die CD jetzt in der Stadtbücherei Bochum in die Hände gefallen, nun liegt sie auf meiner Festplatte, und ich finde, wer auch nur ein rudimentäres Interesse an Vokal-Jazz hat, sollte sich die Begegnung mit der einmaligen Künstlerin Inge Brandenburg nicht entgehen lassen.

— 23. Januar 2014