Platte11

Von Heinz Gelking

Strawinski/ Divertimento und Schostakowitsch/ Violinsonate

Short summary in English: Two contrasting 20th-century-pieces for Violin and piano, excellently played and recorded.

Das Divertimento von Igor Strawinski und die Violinsonate von Dmitri Schostakowitsch – gegensätzlicher lässt sich ein Programm für Violine und Klavier kaum zusammenstellen, auch wenn beide Komponisten natürlich russischer Herkunft waren und insofern eine inhaltliche Klammer da ist. Der in Paris lebende Weltbürger Strawinski bearbeitete 1932 eine Orchestersuite, die auf das Ballett Le baiser de la fée zurück geht und wohl mehr Tschaikowski als Strawinski enthält. Man könnte sich dazu eine ausgekochte Interpretation denken, bei der gerade umgekehrt mehr Strawinski als Tschaikowski zu hören ist – gewitzt und scharfkantig gespielt. Auf solcher Art „Verfremdungseffekt“ verzichten Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel aber. Ungeniert kosten sie romantische Kantilenen aus und begeistern mit bestens eingespielter Duo-Kunst. Dass die beiden schon lange und oft zusammen konzertieren, hört man nämlich.

Dann ein herber Wechsel zur Sonate für Violine und Klavier G-Dur op. 134. Sie war ein Geschenk von Dmitri Schostakowitsch an David Oistrach zu dessen 60. Geburtstag. Wie schade, dass das Dokument der Moskauer Uraufführung auf einer Melodiya-LP aus dem Jahr 1969 nicht annähernd so gut klingt wie diese auch technisch exzellente Produktion von Audite. Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel zeigen dabei eine enorme Wandlungsfähigkeit. Klang das Divertimento überraschend verbindlich und der Salonmusik nahe, spielen sie die Schostakowitsch-Sonate durchaus „krasser“ aus als David Oistrach und Swjatoslaw Richter, die womöglich nicht nur aus musikalischen Gründen, sondern auch aus politischer Rücksichtnahme zurückhaltender agierenden Uraufführungsinterpreten. Übrigens kann man auch mit dieser Vergleichsgröße im Hintergrund über die technische wie musikalische Kompetenz von Judith Ingolfsson und Vladimir Stoupel nur staunen.

audite 92.576 SACD

— 29. März 2012