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Von Heinz Gelking

Tracy Chapman: Tracy Chapman (Elektra Records-LP)

“Mit vollständiger deutscher + englischer Texbeilage”, verspricht der Sticker rechts oben und unterstreicht, dass Tracy Chapman nicht nur unterhalten, sondern auch Botschaften transportieren wollte.

Nur daran erinnere ich mich: Superstars wie die Simple Minds und Dire Straits, Eric Clapton und Stevie Wonder wechselten sich auf der Bühne des Wembley-Stadions ab. Dann kam es zu einer technischen Panne und der Ablauf des Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concerts stockte. Kurzerhand ging Tracy Chapman noch einmal auf die Bühne, stellte sich mit ihrer Gitarre vor die 72000 Menschen und sang Songs aus ihrem Debüt-Album.

Tracy Chapman hatte mit ihrer tiefen, dunklen Stimme und ihren Liedern die Menschen berührt. Sie wirkte authentisch. Und anders als bei den Rockgruppen, die wie immer einen monströsen technischen Aufwand betrieben, konnte sie an die alte David-gegen-Goliath-Symbolik anknüpfen: Da sang eine junge, farbige Frau alleine mit ihrer Gitarre gegen das Apartheidsregime an, das Nelson Mandela noch immer im Gefängnis hielt. Danach kaufte ich die Platte, genau wie hundertausend andere Leute, die am 11. Juni 1988 vor dem Fernseher gewesen waren. Das Konzert wurde in 60 Staaten übertragen. Tracy Chapman gewann mit ihrer ersten LP viele Auszeichnungen, darunter mehrfaches Platin und drei Grammy-Awards.

Songs wie Fast Car, Talkin’ ‘Bout A Revolution, Behind the Wall oder Mountains o’ Things und Baby, Can I Hold You? erzählten von Ungerechtigkeit, Armut und Rassismus, Beziehungen und der Liebe. Von der Musikpresse wurde immer wieder Bob Dylan als ein Anknüpfungspunkt genannt, und es war von sparsam instrumentierter Folk-Musik die Rede. Tatsächlich war das Debüt-Album von Tracy Chapman aber gar nicht so puristisch produziert. Immerhin traten zur Gitarre und etlichen anderen erwarteten (Bass, Schlagzeug) und unerwarteten (Hammond-Orgel, Klavier) Instrumenten auch noch zwei Keyboards und legten für die Sängerin einen dicken Teppich von zum Teil ganz tiefen Basstönen aus. Wirklich spartanisch war nur Behind the Wall. Und darin ging es um Gewalt unmittelbar nebenan – wie in My Name Is Luka von Suzanne Vega, das im Jahr davor veröffentlicht wurde. Das Erzählte kriecht in beiden Liedern unmittelbar unter die Haut, weil die unbegleitete Stimme so schutzlos ausgeliefert klingt.

Ein großer Teil der Musik auf Tracy Chapmans erster LP trug also “ein Anliegen” vor. Das ist heute, zwanzig Jahre später, selten geworden. Das Engagierte, es befremdet uns mittlerweile. Botschaften gegenüber sind wir skeptisch. Diese LP noch einmal zu hören, das bedeutet auch, den eigenen Idealen (nun ja, ein sicher zu großes Wort…) von vor zwanzig Jahren noch einmal zu begegnen. Und wenn Talkin’ ‘Bout A Revolution im Formatradio mit seinen Werbeblöcken läuft (was gar nicht so selten vorkommt), erscheint das immer noch als eine ziemlich verdrehte Situation.

Übrigens kam Nelson Mandela rund anderthalb Jahre nach dem Konzert frei.


Der Klang: Sehr gut, fast schon audiophil. Im akustischen Mittelpunkt steht klar die Stimme von Tracy Chapman. Die Instrumente wurden von David Kershenbaum (Produzent) und Kevin W. Smith (Aufnahme) darum herum sortiert. Die LP klingt sehr detailreich und präzise, aber auch wie mit einem Hauch von Raureif überzogen – eine typische Digitalproduktion jener Zeit, in diesem Fall fabelhaft auf dünnem, aber perfektem Vinyl verewigt.

— 19. Mai 2008