Platte11

Von Heinz Gelking

Viktoria Mullova & Ensemble, François Leleux: Konzerte von Johann Sebastian Bach, BWV 1041, 1042, 1056, 1060 (Decca-CD)

Short summary in English:

This is still one of the best recordings of Johann Sebastian Bach’s violin concertos: Perfectly played and transparently interpreted like chamber music. Unfortunately, the CD is missing the concerto for two violins, BWV 1043, but it includes the concerto for Oboe, Violin and Orchestra, BWV 1060th. Highly recommended!

Die 1995 entstandene Aufnahme von vier Bach-Konzerten dokumentiert auf dem Weg von Viktoria Mullova zur historischen Aufführungspraxis einen Zwischenstand. Die Geigerin mit dem weiten Horizont war – darin Gidon Kremer ähnlich – stets offen für Ideen, die außerhalb der Traditionslinie liegen, aus der sie selbst stammt. Sie musiziert hier noch auf einem modern eingerichteten Instrument, berücksichtigt dabei aber schon Vorschläge der „Originalklang“-Fraktion. Man kann der Absolventin des sowjetischen Ausbildungssystems und Schülerin Leonid Kogans also nicht vorwerfen, Bach auf die alte, romantisierende Weise zu spielen, wie wir sie beispielsweise aus Aufnahmen von David und Igor Oistrach kennen. Auf der anderen Seite wüsste ich keinen „historisch“ praktizierenden Geiger, der den Solopart der Violinkonzerte BWV 1041 und 1042 mit so klarer Artikulation und so sauberer Intonation aufgenommen hätte wie die Gewinnerin des Sibelius-Wettbewerbs (1980) und des Tschaikowsky-Wettbewerbs (1982). Von der makelloser Technik der Violinvirtuosin, die bei konventionellen Repertoire zur Weltspitze gehört, profitieren eben auch die Bach-Konzerte, zumal Viktoria Mullova für die schnellen Ecksätze genauso furiose Tempi wählt wie beispielsweise der „Historiker“ Andrew Manze (mit der Academy of Ancient Music, Harmonia Mundi 907155). Allerdings entsteht bei ihr niemals der Eindruck, hier kämpfe jemand mit seinem Instrument und dem Druck, die Anforderungen allzu rascher, aber eben auch selbst gewählter Tempi erfüllen zu müssen.

Über die Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach wissen wir erstaunlich wenig. Schrieb Bach sie für das Collegium Musicum in Leipzig, das er ab 1729 leitete? Oder hatte er sie schon früher in Weimar (1708-1717) oder in Köthen (1717-1723) komponiert? Mit großer Wahrscheinlichkeit führte er die Werke jedenfalls selbst auf. „In seiner Jugend bis zum ziemlich herannahenden Alter spielte er die Violine rein und durchdringend“, berichtet Carl Philipp Emanuel Bach, von dem wir in einer historischen Quelle auch erfahren, dass sein Vater ein Orchester lieber mit der Geige in der Hand als vom Tasteninstrument aus dirigierte. Viktoria Mullova kann in diesem Punkt jedenfalls eine authentische Herangehensweise für sich reklamieren. Sie tritt hier gleichzeitig als Solistin und als Leiterin eines im Jahr zuvor von ihr gegründeten Ensembles auf. Das spielt in einer kleinen Besetzung, wie sie ebenfalls eher für historische als für konventionelle Bach-Interpretationen typisch wäre. Die Musik gewinnt dabei einen genauso stark kammermusikalischen Charakter wie sie durch das blitzend-virtuose Spiel von allen Beteiligten ihre konzertanten Züge behält. Viktoria Mullova und das sie umgebende Ensemble führen dabei regelrechte Dialoge. Sie setzen das Tänzerische und das Brillante der schnellen Sätze mit rhythmischer Verve und abgestufter Dynamik um. Die Geigerin setzt Vibrato ein, aber sparsam und mit Geschmack. Die lang ausgehaltenen Noten im Solopart der langsamen Sätze erhalten dabei einen feinnervigen, ins Silbrige changierenden Schimmer, der nun aber gar nichts mehr mit den vom Vibrato angedickten Tönen früherer sowjetischer Interpretengenerationen zu tun hat. Schade, dass Viktoria Mullova vor fünfzehn Jahren nicht auch das Doppelkonzert für zwei Violinen, BWV 1043, aufgenommen hat! Das auf der CD enthaltene Konzert für Violine und Oboe, BWV 1060, mit dem exzellenten Oboisten François Leleux entschädigt dafür mit den schönen Zwiegesprächen zwischen dem Blasinstrument und der Solo-Violine.

Ein Ärgernis ist das vollkommen unzureichende Booklet, der im absoluten Budget-Bereich angesiedelten CD: Wir erfahren nicht einmal, wer außer der namensgebenden Geigerin im „Ensemble Mullova“ mitgewirkt hat. Trotzdem: Dies bleibt die vorerst überzeugendste Aufnahme von Violinkonzerten Johann Sebastian Bachs. Zumindest bis Viktoria Mullavo mit einer „richtigen“ Barock-Violine ins Studio geht.

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—  3. April 2010