Platte11

Von Heinz Gelking

Violin Masterworks – Musik für Violine auf 35 CDs

Short summary in English:

You might discuss the musical style of the older interpretations, but overall, in this collection of violin recordings famous names really stand for high artistic quality: Joshua Bell, Arthur Grumiaux, Henryk Szeryng, Kyung Wha Chung, Leila Josefowicz. A bargain!

Mit “Violin Masterworks” will DECCA zum Budget-Preis eine “umfassende Sammlung großer Geigenmusik” auf den Markt bringen. Und damit wird nicht zu viel versprochen. Tatsächlich enthalten die Aufnahmen nämlich beinahe das komplette Kern-Repertoire für Violine. Von den etablierten Werken fehlen eigentlich nur die Sonaten von Schumann, Bártok und Ysaÿe sowie die Violin-Musik von Schubert. Auf der anderen Seite enthält die Box auch Überraschungen wie die Violinkonzerte von Samuel Barber und William Walton (mit Joshua Bell) oder die Sonate für Violine und Violoncello von Maurice Ravel (mit Chantal Juillet und Truls Mørk).
Solche Sammel-Boxen beruhen auf einer Art von Mischkalkulation. Attraktive Aufnahmen müssen weniger interessante „mitziehen“, neuere Aufnahmen solche, bei denen die Verwertungsrechte ohnehin bald auslaufen. Hier stammen alle Einspielungen aus der Zeit von 1956 bis 2001 und aus den Archiven von DECCA und Philips Classics.

Ein legendäres Duo: Die Pianistin Clara Haskil und der Geiger Arthur Grumiaux. Er brachte ihr zu Aufnahmesitzungen regelmäßig belgische Pralinen mit. Foto: Philips/ Universal.

Angreifbar ist die Auswahl vor allem bei der Barockmusik und Klassik. In stilistischer Hinsicht sind über die gefeierten Bach-Einspielungen von Gidon Kremer (Konzerte von 1984 und Solo-Sonaten bzw. -Partiten von 1981) die Jahre hörbar hinweg gegangen, und erst recht sind die Sonaten für Violine und Cembalo mit Arthur Grumiaux und Christiane Jaccottet (1979) vom gegenwärtigen, durch die historisch informierte Praxis geprägten Stand der Bach-Interpretation ziemlich weit entfernt. Andere Aufnahmen von Arthur Grumiaux werten diese Box geradezu auf: Der belgische Geiger hatte während der späten fünfziger Jahre im partnerschaftlichen Zusammenspiel mit Clara Haskil alle zehn Sonaten für Klavier und Violine von Ludwig van Beethoven für Philips eingespielt – mit Recht eine Kult-Aufnahme der Schallplattengeschichte. Das gilt abgeschwächt auch für die 1969 von Henryk Szeryng und Ingrid Haebler aufgenommenen Mozart-Sonaten. Selbst wenn die „Buttergeige“ und das gleichmäßig perlende Klavierspiel uns nicht mehr ganz zeitgemäß erscheinen: Es war doch auch schön. Zu solchen Aufnahme-Klassikern kann man auch Ruggiero Riccis 1959 dokumentierte Interpretation der 24 Capricen von Niccòlo Paganini rechnen – nicht perfekt, aber eindrucksvoll gegeigt.
Kyung Wha Chung, Joshua Bell oder Leila Josefowicz veröffentlichen mittlerweile bei anderen Firmen als DECCA und Philips. In dieser Wundertüte werden nun zentrale Einspielungen von ihnen geradezu verschleudert. Am krassesten trifft es Leila Josefowicz mit den Violinkonzerten von Mendelssohn, Glasunow, Prokofieff, Tschaikowsky und Sibelius – alle kaum älter als zehn, fünfzehn Jahre. Einen noch stärkeren Eindruck hinterlassen Joshua Bell mit seiner 1994 klug gekoppelten, imponierend gegeigten und überlegen gestalteten Aufnahme der Konzerte von Brahms und Schumann und Kyung Wha Chung mit ihren ebenso polierten wie ausdrucksstarken Interpretationen der Konzerte von Bártok, Elgar und Saint-Saëns. Wir Musikhörer profitieren von diesem Ausverkauf: Wer sich die wichtigsten für die Violine geschriebenen Werke für kleines Geld ins CD-Regal stellen will, tut mit Violin Masterworks einen guten Griff.

— 10. Juli 2010