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Von Heinz Gelking

Volkslieder von Johannes Brahms

Für Johannes Brahms war die Volksmusik keine diffuse Quelle ideeller Inspiration, sondern etwas ebenso Konkretes zur Materialgewinnung, wie ein Steinbruch für einen Bildhauer. So leitete Brahms beispielsweise den vierten Satz seiner ersten Sinfonie (c-moll op. 68) mit einer Alphornmelodie ein, die er schon acht Jahre zuvor, im September 1868, dokumentiert hatte.

Brahms und die Volksmusik

Natürlich wird Brahms Des Knaben Wunderhorn von Arnim und Brentano und Herders Stimmen der Völker in Liedern gelesen haben, und spätestens mit fünfzehn Jahren kannte er jene Sammlung mit dem sperrigen Titel: Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen, unter Mitwirkung des Herrn Prof. Dr. Massmann in München, des Herrn Zuccalmaglio in Warschau und mehrerer anderer Freunde der Volkspoesie nach handschriftlichen Quellen, auf die er zurückgriff, als er sich – mit großen Abständen an Jahren – zwischen 1857 und 1894 produktiv mit dem Volkslied beschäftigte. Daraus resultierten Lieder für eine Singstimme mit Klavier, für Frauenchor und für vierstimmigen Chor sowie Volkskinderlieder (die er allerdings nicht unter seinem Namen herausgab, vermutlich weil er die Nähe zum tradierten „Original“ als zu groß empfand, um eine eigene kompositorische Leistung zu reklamieren). Von den 289 Kompositionen, die Brahms für A-capella-Chor oder Singstimme mit Klavier geschaffen hat, zeigen immerhin 67 einen direkten Volkslied-Einfluss, und davon wiederum sind 37 Lieder auf Volksliedtexte geschrieben (die anderen Kompositionen haben biblische oder dichterische Texte zur Grundlage).

Die Deutsche Grammophon übernimmt Aufnahmen des Eterna-Labels

Die Deutsche Grammophon übernahm 1975 unter den Produktionsnummern 2740124 und 2709057 beim Eterna-Label des VEB Deutsche Schallplatten, Berlin, DDR, entstandenes Bandmaterial und produzierte eine Kassette mit drei LPs unter dem Titel Johannes Brahms – Volkslieder. Auf zwei LPs singen Edith Mathis und Peter Schreier insgesamt 42 Klavierlieder, begleitet von Karl Engel, die dritte LP beinhaltet auf einer Seite 14 Volkskinderlieder, gesungen von Edith Mathis, und auf der zweiten Seite neun Volkslieder für vierstimmigen Chor, eingesungen vom Rundfunkchor Leipzig unter der Leitung von Horst Neumann. Darunter befinden sich so bekannte (und schöne) Chorsätze wie In stiller Nacht oder Mit Lust tät ich ausreiten und Die Wollust in den Maien. Übrigens sind die Aufnahmen derzeit nicht auf CD zu haben – eine Schande!

Bertold Brecht: Das Volk ist nicht tümlich!

Nicht nur in dialogisch angelegten Liedern wie Feinsliebchen harmonieren Edith Mathis und Peter Schreier perfekt miteinander. Beide haben helle, eher leichte Stimmen mit nicht allzu großem Volumen und einer Höhe ohne jede Schärfe. Sie klingen von vornherein jugendlich und geben den tändelnden Liedern einen wunderbar spielerischen Charakter. Dabei wahren sie kluger Weise so etwas wie einen Sicherheitsabstand zur jeweiligen Rolle und deren „naturalistischer“ Darstellung. Es wird immer in erster Linie gesungen und erst in zweiter Linie „verkörpert“, auch wenn Peter Schreier ganz selten etwas „kerniger“ zu klingen versucht, als man es sich wünschen mag…—- Ach was: Im Vergleich zu ihm sangen fast alle männlichen Liedinterpreten der siebziger Jahre ziemlich grobschlächtig.


Peter Schreier und Edith Mathis modulieren ihr Singen fein und bringen Wort und Ton wunderbar in Einklang. Die Sopranistin aus der Schweiz findet dabei auch für die Volkskinderlieder einen schlichten und schönen Tonfall – nicht künstlich naiv im “Jetzt stellen wir uns mal ganz dumm”-Sinne, sondern mit Respekt vor schlichtem Text und schlichter Melodie zu schlichter Begleitung: „Das Volk ist nicht tümlich“, wusste Bertold Brecht, und Edith Mathis weiß es auch: Bei ihr haben Lieder wie Dornrößchen oder Heidenröslein Anmut und Würde und berühren darum unmittelbar. Der im September 2006 gestorbene Pianist Karl Engel zeigt hier ebenso wie in seinen Schubert-Aufnahmen mit Hermann Prey, dass er nicht nur ein ausgezeichneter Solist für die Klaviermusik Mozarts, Schuberts und Schumanns, sondern auch ein phänomenaler Liedbegleiter war.

— 23. April 2007