Platte11

Von Heinz Gelking

Willenbrock

Mein Auto, mein Haus, meine Firma, meine Geliebte, meine Frau,…: Bernd Willenbrock hat es geschafft. Der Magdeburger Gebrauchtwagenhändler darf sich fünfzehn Jahre nach der Wende zu den Gewinnern rechnen. Aber dies ist keine Erfolgsgeschichte, denn die böte keinen Stoff für einen guten Film. Und Willenbrock ist ein guter Film.

Andreas Dresen zeigt uns anfangs in einer Vor-Blende, dass Willenbrocks nur scheinbar von keinen Selbstzweifeln getrübtes Leben in schwere Turbulenzen geraten wird. Aber noch ist die Welt in Ordnung, was für Willenbrock vor allem heißt: die Arrangements funktionieren.

Willenbrock hat nämlich eine ganze Reihe solcher Arrangements getroffen. Immer zu seinen Gunsten, aber immer auch so, dass sie niemandem weh tun. Nicht einmal seiner Frau (Inka Friedrich), die genau weiß, dass er sie betrügt. Aber auch sie hat sich arrangiert und nimmt widerstrebend sein Geld, um sich mit ihrer Boutique den Anschein von Selbständigkeit zu geben. Die Ehe zwischen Bernd und Susanne Willenbrock funktioniert dennoch gut, übrigens auch im erotischen Sinne. Doch Willenbrock ist nicht satt. Für eine Affäre – neben der ohnehin vorhandenen Geliebten – wäre noch Platz, und die Literatur-Studentin Anna (Anne Ratte-Polle) würde ihm schon gefallen. Also investiert er wieder einmal ins Glück, das er für käuflich hält. Klingt nach einem ziemlich schmierigen Typen, oder?

Doch Willenbrock hat mehr Facetten. Axel Prahl stattet ihn auch mit einer gehörigen Portion Charme aus. Prahls leicht untersetzte Statur und sein Allerweltsgesicht geben der Figur dabei große Authentizität. Sein Gebahren schwankt zwischen der Großkotzigkeit, mit der er seinem polnischen Mitarbeiter erklärt, wie man Frauen bei Laune hält, und dem völligen Unverständnis für den Maler, dessen düstere Vanitas-Bilder ihn irritieren, ohne dass er es sich eingestehen will: „Das Leben ist doch schön!“
Ja, schön ist es. Und schön normal. Im Großen und Ganzen kann Willenbrock zufrieden sein. Er verkörpert das Exemplar einer Gattung, zu der sich viele rechnen können, wie ein wunderbares Kamerabild der geordneten Einfamilienhaus-Siedlung am Rande von Magdeburg zeigt. Magdeburg ist überall und überall wohnen Willenbrocks. Der laviert sich durch wie alle, wie er auch mit allen auf der Autobahn im Stau steht. Er ist nicht wirklich böse und nicht wirklich gut, sondern mal das und mal das. Willenbrock ist die Mehrheit. Die Bilder aus diesem Leben sind dabei so herrlich bieder, vertraut und glaubwürdig, wie man sie im deutschen Kino und Fernsehen, wo jeder Kommisar ja in einem Loft, jeder Aufsteiger in einer Gründerzeit-Villa lebt, leider viel zu selten sieht. Willenbrock hätte nicht nur einen Deutschen Kamerapreis 2005 bekommen sollen (für Michael Hammon, und mit Recht: tolle Schluss-Szene!), sondern auch einen Preis für das Szenenbild (Susanne Hopf)!

In der Mitte dieses geradezu klassisch aufgebauten Filmes – einschließlich eines „retardierenden Moments“ auf der Hälfte der zweiten Hälfte der 108 Minuten – passiert das Entscheidende: Ein Einbruch in die Ferienhaus-Idylle durch gewalttätige Russen, die ihr Geschäft härter, unfairer, rücksichtsloser betreiben, als Willenbrock seinen Gebrauchtwagenhandel. Das importierte Böse hat eine andere Qualität als Willenbrocks Tricks. Willenbrock und seine Frau werden ausgerechnet da überfallen, wo sie ein romantisches Wochenende verleben wollen. Willenbrock muss um sein Leben kämpfen. Ihm und Susanne gelingt die Flucht. Doch damit fangen die Probleme erst an. Willenbrocks Leben gerät an allen Fronten ins Schwanken.

Man kann sich nicht vornehmen, die Angst zu vergessen. Willenbrock versucht das, aber Susanne ist traumatisiert. Inka Friederich stellt ihre schleichend wachsende Panik ebenso großartig dar wie sie den zweifelnden Aufbruch in die Eigenverantwortung nachvollziehbar macht. Willenbrock ist nicht nur ein Film über Kriminalität und Angst, über das Recht auf Vergeltung und das Recht auf Schutz, über die Frage nach Gerechtigkeit und Gleichheit, sondern auch einer der besten deutschen Filme über eine Ehe, die an sich so schlecht nicht ist, aber hier unter enormen psychischen Druck gerät, und es ist – neben Axel Prahl – vor allem diese bisher nur durch ihre Theaterarbeit bekannt gewordene Schauspielerin Inka Friedrich, die ihn dazu macht. Willenbrock versucht zu retten, was zu retten ist, und wirft dafür sogar Ballast über Bord – die Geliebte muss gehen. Die Frage, ob es ihm und Susanne gelingt, zusammen zu bleiben, erzeugt beim Zuschauer fast ebenso viel Spannung, wie die Frage, ob der Besitz einer Pistole gegen russische Kriminelle schützen kann. Willenbrock ist ohnehin kein Thriller, ja nicht einmal ein Krimi, sondern eine Art dramatisiertes Sitten- und Sozialgemälde unserer Zeit, in dem – seit langer Zeit zum ersten Mal – erzählt wird, welchen Preis es den Sieger kostet, Sieger zu sein und diesen Status zu verteidigen.


Willenbrock wäre kein Film von Andreas Dresen, wenn hinter der Geschichte nicht auch ein Zeigefinger aufragen würde, den er in die Wunden unserer gesellschaftlichen Verfasstheit legt. Der Staatsanwalt erklärt Willenbrock, dass den beiden Kriminellen gar keine Wahl bleibe als zurück zu kommen: „Die verdienen bei uns im Strafvollzug immer noch mehr als in Russland bei der Arbeit.“ So ein Satz bringt das soziale Gefälle in Europa knapper und präziser auf den Punkt als das ganze rethorische Gesülze in Die fetten Jahre sind vorbei! Und für einen Moment denkt man, dass Willenbrock mit seinen bequemen, verlogenen und auf den eigenen Vorteil bedachten Arrangements da steht, wo sich auch das Euro-Land befindet: In einem Status-Kampf, von dem man nicht so richtig weiß, ob es um den Erhalt sozialer Errungenschaften oder die Sicherung von Pfründen geht, während das Elend nachts am Gartenzaun steht und Kette raucht und jeden Moment rüber kommen könnte, um sich seinen Anteil am Wohlstand zu holen.

Willenbrock beruht auf dem gleichnamigen Roman von Christoph Hein. Laila Stieler (Drehbuch) hat dessen Handlung jedoch gerafft und das Geschehen inhaltlich vom politischen (Wende-)Roman weggerückt. Auch das trägt dazu bei, dass dieser Film so viel Allgemeingültiges über die gesamtdeutsche Lebenswirklichkeit zu erzählen hat. Er tut das übrigens manchmal mit viel Humor.

Regie: Andreas Dresen
Schauspieler: Axel Prahl, Inka Friedrich, Anne Ratte-Polle, Dagmar Manzel u.a.
Drehbuch: Laila Stieler
Delphi Filmverleih / EuroVideo 25516
Spielfilm-DVD
Sonstiges: Überlänge, ca. 108 min

— 23. April 2007