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Von Heinz Gelking

Witold Lutosławski: Konzert für Orchester

Der polnische Dirigent Witold Rowicki wollte ein „herausforderndes“ Stück für das Warschauer Philharmonische Orchester und wandte sich an seinen Landsmann, den Komponisten Witold Lutosławski. Der brauchte vier Jahre, von 1950-1954, um das Konzert für Orchester zu schreiben. Es ist bis heute Lutosławskis populärstes Werk. Weniger avantgardistisch komponiert als spätere Stücke, schöpft es die Möglichkeiten eines großen Sinfonieorchesters ungeheuer effektvoll aus. Allen Instrumentengruppen, aber auch einzelnen Musikern, gibt es Gelegenheit, ihr Können heraus zu stellen.

Lutosławski (1913-1994) hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg einem folkloristischen Nationalstil zugewendet. Dafür wird immer wieder das Vorbild Bela Bártoks (1881-1945) genannt. Schon der Titel von Lutosławskis Konzert für Orchester erinnert ja an Bártoks 1942 fertig gestelltes und 1944 durch das Boston Symphony Orchestra uraufgeführtes Konzert für Orchester. Lutosławskis Bewunderung für Bártok schlug sich auch 1958 in der Trauermusik für Streichorchester nieder, die er dem ungarischen Komponisten postum widmete.

Unfreiwillig war Lutosławski einem zweiten Einfluss ausgesetzt. 1947 hatte er seine erste Sinfonie fertig gestellt. Prompt wurde ihm „Formalismus“ vorgeworfen. Was sich heute wie ein Argument aus einer beliebigen ästhetischen Debatte anhört, konnte im stalinistischen Osteuropa lebensgefährliche Folgen haben – man lese nach in der Lebensgeschichte von Dmitri Schostakowitsch. Lutosławski fügte sich offenbar; nach Stalins Tod schrieb er jedenfalls vollkommen andere Musik, beginnend mit den fünf Liedern zu Texten von Kazimiera Illakowiczowna (1957). Das Konzert für Orchester ist der Höhepunkt jener Phase, in der Lutosławski sich als Komponist von Gebrauchsmusik verstand. Er verwendet volkstümliche Themen und einen Kanon an Mitteln, der nicht über Strawinsky oder Bartók hinaus geht. Unfreiheiten und Zwänge..? – Das Konzert für Orchester löst trotzdem Lutosławskis Anspruch, „in der Musik darf es keine gleichgültigen Klänge geben“, in faszinierender Weise ein: Diese Musik ist mit unglaublicher Kunst gebaut und grandios instrumentiert.

Das Chicago Symphony Orchestra hat sich 1971 der Herausforderung dieser extrovertierten, brillanten Musik gestellt. Es galt damals wegen seiner Zusammenarbeit mit den ungarischen Perfektionisten Fritz Reiner (bis 1963) und Georg Solti (ab 1969) als eines der zwei oder drei perfektesten Orchester der Welt. Hier dirigiert allerdings Seiji Ozawa, mit dem das CSO seit 1964 regelmäßig seine Sommer-Konzerte beim Ravinia Festival bestritt. Ich halte die dabei entstandene Aufnahme für eine der faszinierendsten, die das CSO während der Stereo-LP-Zeit gemacht hat. Weder das Orchester noch seine wichtigsten Dirigenten (mit der Ausnahme von Carlo Maria Giulini als Gast) haben einen überzeugenden Klang für das klassisch-romantische Repertoire des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts gefunden. Lutosławskis Komposition aber spielt ganz unverhüllt damit, als technisches Schaustück zu funktionieren. Dazu passt dieser von hell-glänzendem Blech dominierte und mit fabelhaft präzisen und energiereich spielenden Streichern grundierte Orchesterklang aus Chicago perfekt. Zudem setzt Ozawa nicht auf den Überrumpelungseffekt zugespitzter dynamischer Kontraste und das circensische Moment schierer Perfektion. Seine Interpretation klingt streckenweise wie Ballettmusik – die virtuosen Anforderungen der Partitur werden nicht nur bewältigt, sondern mit Esprit und Eleganz inszeniert!
Nicht mindert fasziniert hier die Aufnahmetechnik: Produzent Peter Andry und Toningenieur Carson Taylor von EMI Records Ltd. haben ein breites und tiefes Stereo-Panorama realisiert. Es ist hervorragend durchgezeichnet und mit abertausend Details gefüllt, klingt aber zugleich wunderbar geschlossen. Im Vergleich zu Decca-Einspielungen aus Chicago – beispielsweise den Mahler-Aufnahmen von Georg Solti – fehlt es vielleicht ein klein wenig an Wucht und Dynamik. Die Bass-Wiedergabe meiner LP liegt eher auf der präzisen und schlanken Seite. Vielleicht besteht ein Grund darin, dass es sich um eine spätere (1984), von Teldec in DMM-Technik durchgeführte Pressung handelt.


Ergänzung: Wie ich im Analog-Forum erfahren habe, trägt die Erstausgabe die Bezeichnung EMI ASD 2652 und enthält – statt des Konzerts für Orchester von Bartók – auf der zweiten Seite Janáčeks Sinfonietta.

— 23. April 2007