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Von Heinz Gelking

Zepp Oberpichler: Gitarrenblut (Rock ’n’ Roll-Roman mit Musik CD)

Zepp Oberpichler hat versucht, einen Roman zu schreiben. Einen Roman über Will, der aus dem Ruhrgebiet stammt, Gitarre in einer Band spielt und Mädchen liebt. Eines der Mädchen heißt Bea. Er verliert sie für immer – ein Suizid. Zu ihrem Andenken möchte Will ein Tape aufnehmen. Das dauert vom Anfang der 80er bis Anfang der 90er Jahre, von Herman Broods Bad Blood bis Nirvanas Smells like Teen Spirit, von Wills Jugend bis schätzungsweise Mitte Zwanzig.

Die Motive kommen uns aus anderen Büchern bekannt vor: das Kassettenmädchen, der Traum von einer Musikerkarriere, der enge Bezug zur Malocher-Heimat, die sexuellen Erlebnisse und der Konsum von legalen und illegalen Drogen auf Partys und am Rande von Konzerten, die Emanzipation eines Jugendlichen aus der Unterschicht. Aber nie wurden diese Motive einfallsloser miteinander verwoben. Während wir Will in seinem Denken und Fühlen ganz gut kennen lernen, gelingt es Oberpichler kaum, uns Wills Freunde, vor allem aber die Frauen, mit denen er es zu tun bekommt, näher zu bringen.

Der Autor formuliert allerdings klipp und klar und schnell und pointiert. Er kann schreiben, gar keine Frage, und es fällt leicht, ihn zu lesen. Sein Text hat den Sound eines eloquenten Kneipengängers aus Bochum-Langendreer nach dem zweiten Glas Bier, wenn er gut in Fahrt, aber noch klar im Kopf ist. Doch Oberpichler hat nichts zu erzählen, was wir nicht anderswo schon gelesen hätten – zum Beispiel in Romanen wie Liegen lernen von Frank Goosen oder Fleisch ist mein Gemüse von Heinz Strunk. Mit Strunk teilt Oberpichler übrigens auch eine Vorliebe für gewisse Tabu-Brüche, die längst keine mehr sind. In Gitarrenblut wird dauernd onaniert und kopuliert, geblutet, getrunken und geraucht – Rock ‘n’ Roll auf der Schmalspurbahn piefiger Vorstellungen vom wilden und gefährlichen Leben? Mit sowas verschreckt man doch nicht mal mehr Großmütter aus Witten-Herdecke!

Hinzu kommt das endlose Name-Dropping der Bands, Platten und Songs, das die Sache nicht voran bringt. Man kann durch den Holzschuh fühlen, welche Funktion das hat. Es geht zu offensichtlich darum, über die genannten Musiktitel einen Schulterschluss mit den Lesern herzustellen, sie zum Komplizen des Autors und seines Protagonisten zu machen: Das haben wir doch damals gehört, so haben wir doch damals gelebt …

Hinter der anekdotenhaften Erzählweise, bei der sich Szene an Szene reiht, ohne dass ein Spannungsbogen aufgebaut würde, bleiben Geschichten, die hier unbedingt erzählt werden müssten, weil sie uns brennend interessieren, fast unbeachtet liegen: Vom schwierigen Aufstieg eines jungen Rock-Musikers erfahren wir wenig. Will bleibt immer derselbe, auch wenn aus dem Gitarristen ohne Band im Verlauf von 176 Seiten ein Gitarrist mit Fun-Punk-Band wird. Dass ein Leben aus Sex, Drugs & Rock ‘n’ Roll auch Opfer verlangt, wird mit dem Tod von Bea allenfalls angedeutet, sie selbst bleibt aber doch seltsam gesichtslos, die Beweggründe für ihren Drogenkonsum und den Freitod werden kaum gestreift. Im Grunde wird Bea in die Geschichte eingeführt, um wenige Seiten später auch schon zu sterben. Die Motivation, mit welcher Will zehn Jahre lang an seinem Tape bastelt, ist deshalb nicht glaubhaft. Man merkt: Ihr Tod ist nur der Aufhänger für die Geschichte mit dem Tape, die wiederum nur der Anlass für das Aufzählen von Songs ist. Der Aufbau des Romans ist ebenso durchsichtig wie simpel. “Und dann noch dieser beschissene Titel: Gitarrenblut. Was soll denn das sein? Will, das war überhaupt nichts. Das war gar nichts!” (aus: „Gitarrenblut“ von Zepp Oberpichler, Bottrop 2009).

Dem Buch eine Mini-CD beizupacken, war allerdings eine gute Idee.

—  8. Oktober 2009