Platte11

5. Januar 2010

In der Metro

Früher Abend, die Metro ist voll. Alle Menschen meiden den Blickkontakt. Niemand sagt etwas. Nur der 2,5 Jahre alte Sohn guckt sich interessiert um. Es ist seine erste Fahrt mit der Metro.

An einer Station steigt ein Paar zu und ergattert gegenüber zwei Sitzplätze. Der Mann ist ein gepflegter älterer Herr. Die Frau hat ihre Haare pechschwarz gefärbt und großzügig kirschroten Lippenstift sowie einen etwas theatralischen, lilafarbenen Lidschatten aufgetragen. An ihren Ohren hängen auffallend große Ohrringe.

Der Kleine sieht sich die beiden an und sagt dann laut und deutlich: “Guck mal, da sitzt ein Mann mit einem Clown!”

Es gibt Momente, da möchte man über die paranormale Fähigkeit verfügen, sich einfach in Luft auflösen zu können …

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26. Oktober 2009

Kjell Westö: Wo wir einst gingen (Roman)

Vor ein paar Monaten habe ich in hifi & records über das Violinkonzert von Jean Sibelius geschrieben. Ich hatte damals ein wenig Biografisches gelesen. In den meisten Darstellungen stehen Sibelius’ Trunk- und Verschwendungssucht sowie die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner finnischen Heimat gegenüber dem russischen Zaren im Vordergrund.

Wie konfliktreich und vielschichtig das Leben in Finnland zur Zeit der Jahrhundertwende und danach tatsächlich war, erfährt man dabei aber kaum. So wusste ich zum Beispiel gar nicht, dass 1918 in Finnland ein drei Monate dauernder Bürgerkrieg stattgefunden hatte, an dem übrigens auch deutsche Kampfverbände beteiligt waren. Kjell Westö, der wie Jean Sibelius zur schwedischsprachigen Minderheit in Finnland zählt, hat über diese Zeit einen Roman mit einem großen Tableau an Figuren aus allen Schichten der finnischen Gesellschaft geschrieben. Diesen Roman lese ich gerade; er ist spannend, anrührend und informativ.

Westö, Kjell; Wo wir einst gingen; München 2006

Der Perlentaucher hat ein paar Rezensionen.

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14. Oktober 2009

Duncan (eine Figur aus "Juliet, Naked" von Nick Hornby) über Musik in Form von Dateien:

Kurze Zeit später schickten ihm Leute von Messageboards erstmals Songs, die sie an E-Mails angehängt hatten, und das war nicht minder geheimnisvoll, denn es bedeutete, dass aufgezeichnete Musik nicht, wie er es vorher gedacht hatte, etwas Gegenständliches war – eine CD, ein Stück Vinyl, eine Spule Magnetband. Man konnte sie auf ihren Wesenskern reduzieren, und dieser Kern war etwas nicht Greifbares. Das machte die Musik noch besser, schöner, geheimnisvoller, fand er jedenfalls.

Finde ich nicht.

(aus: “Juliet, Naked” von Nick Hornby, Köln 2009)

Bin noch nicht sehr weit in dem Buch und lese noch mit großem Vergnügen.

Hier ein paar Links:

Nick Hornby im Interview bei der Welt

Rezension im WDR

Rezension im HR

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10. September 2009

Reparieren

Vater (sichtlich stolz): “Er kann schon schwierige Wörter sagen. Heute hat er “Reparieren” gesagt.”

Vater (zum Sohn): “Sag mal “Reparieren”!”

Sohn: “Rerarie …”

Vater: “Nein, Re-pa-rie-ren!”

Sohn: “Rarerie …”

Vater: “Re-Pa-Rie-Ren!!!”

Sohn: “Rirare …”

Vater (leicht genervt): “Komm, Du hattest es vorhin gesagt. Du kannst es! Ree-Paa-Riiieee-Rääään!”

Sohn: “Is kaputt!”

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20. Juli 2009

Was Kühe fressen.

Sohn: Guck, da, Kühe!

Vater: Ja. Ganz viele. Und so groß. Wie machen die Kühe denn?

Sohn: Muh! Muuhh! Muuuhhh!

Vater: Genau. Und was fressen die?

Sohn: Blumen.

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9. Juni 2009

Braucht Bochum ein Konzerthaus?

Ehrlich, ich weiß es nicht, ob Bochum ein Konzerthaus braucht. Essen hat eins, Dortmund hat eins, Bochum hat keins. Aber von BO-Mitte ist man in 20 Minuten in Essen oder Dortmund. Warum dann ein Konzerthaus?

Auf der anderen Seite hat Bochum das einzige reine Konzertorchester unter den drei Städten. Wenn ein Orchester im Ruhrgebiet ein Konzerthaus verdient hätte, dann die Bochumer Symphoniker. Übrigens ein wirklich ausgezeichnetes Orchester mit einem charismatischen Dirigenten.

Wüssten die Ruhrgebietsstädte nicht mehr, wohin mit ihrem Geld, dann könnte man natürlich einfach sagen, dass gerade in der Vielfalt der Reiz der Region liegt. Dass es alles doppelt und dreifach gibt, macht das Ruhrgebiet nämlich aus. Und es betrifft ja nicht nur die Konzerthäuser, sondern auch die Theater, die Opernhäuser (Bochum hat keines), die Bundesliga-Vereine (Essen hat keinen), die Tierparks und zoologischen Gärten …

Aber in den Ruhrgebietsstädten sind nur die Löcher im Asphalt noch größer als die Löcher im Haushalt.

Darum wäre es sinnvoll gewesen, wenn die Großstädte im Ruhrgebiet frühzeitig ihre Kirchturmspolitik aufgegeben und ihre jeweiligen Stärken ausgebaut, dafür aber auch auf anderen Feldern den Nachbarstädten den Vortritt gelassen hätten. Das sähe dann vielleicht so aus:

Essen wäre die Hauptstadt des Reviers für aufwändige Opern des 19./20. Jahrhunderts (Wagner, Verdi, Strauss, Schostakowitsch,...) geworden. Da hat das Aalto-Musiktheater nämlich seine Stärke.

Bochum wäre die Hauptstadt des Reviers für Sinfonische Konzerte und das Schauspiel geworden.

Dortmund hätte man zur Hauptstadt des Reviers für Kammermusik- und Klavierabende machen können. Das vorhandene Opernhaus hätte sich spezialisieren können, zum Beispiel auf Opern zwischen 1650 und 1850 oder auf Operetten oder…

Dass inzwischen ausgerechnet die beiden Städte, die kein reines Konzert-Orchester haben (die Orchester von Dortmund und Essen spielen jeweils auch in der Oper), große Konzertsäle betreiben, zeigt nur, wie viel Verbesserungspotenzial in der Feinabstimmung die Kulturpolitik im Ruhrgebiet gelinde gesagt noch hat.

Warum ich gerade darüber nachgedacht habe? Wegen der heftigen Diskussion im Anschluss an einen Bericht über ein Benefiz-Konzert von Herbert Grönemeyer für das Konzerthaus in Bochum.

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4. Mai 2009

Kindermund ...

Rafael (2 Jahre) beim Anblick eines vorbei fahrenden BMW X5 ganz begeistert:

“Traktor!”

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27. Februar 2009

Das Gimp-Buch von Bettina K. Lecher. Und warum ich öffentliche Bibliotheken so mag.

Wie gelegentlich geäußert, bin ich ein begeisterter Gimp-Anwender, weil Gimp fast alles kann, was ich von einem Bildbearbeitungsprogramm erwarte, und zu meiner Freude auch noch kostenlos ist.

Was ich allerdings etwas umständlich finde, das ist die online bereit stehende Hilfe-Funktion zu Gimp. Eigentlich handelt es sich eher um eine Art Dokumentation. Das Stichwortverzeichnis, welches die umfangreichen Informationen erschließen soll, liegt ziemlich versteckt und ist alles andere als eine perfekte Hilfe, wenn der Anwender vor einem speziellen Problem steht. Ich habe zudem lange gebraucht, um das Stichwortverzeichnis überhaupt zu finden. Vor einiger Zeit wollte ich zum Beispiel einen grauen Rahmen um ein Foto machen. Das Stichwort “Rahmen” gibt es aber gar nicht, nur “Rahmenfarbe einstellen”, was aber in ganz anderen Zusammenhängen steht.

Das oben abgebildete Buch von Bettina K. Lechner half mir weiter, auch wenn es – inzwischen – ein wenig veraltet ist und sich auf Gimp 2.4 bezieht, während ich mit Gimp 2.6.3 arbeite. Allerdings ist das Buch mit einem Preis von 29,95 Euro auch ziemlich teuer.

Und hier kommt die öffentliche Bibliothek ins Spiel: Ich hätte mir dieses Buch niemals gekauft. Aber die kleine, unbedeutende, gewiss mit keinem exorbitanten Ankausfetat gesegnete Stadtbücherei von Völklingen, die hatte das Buch im Bestand. Ich habe es geliehen und gelesen und weiß jetzt um seine Qualitäten (reichlich vorhanden), aber auch um das Preis-/Leistungsverhältnis (nicht so toll, zumal es das auf DVD mitgelieferte Gimp ja online umsonst gibt).

Öffentliche Bibliotheken sind super! Ich finde, wir Bürgerinnen und Bürger sollten das viel öfter sagen, nach außen tragen und uns vielleicht sogar mal dafür bei uns selbst und den übrigen Steuerzahlern bedanken. Und zwar lange bevor die nächste Diskussion um Etat-Kürzungen oder Personaleinsparungen ansteht.

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22. Februar 2009

Umständliche Disqualifikation

“Wir kümmern uns um den schriftlichen Teil Ihrer Kommunikation.”

Gelesen auf der Internetseite einer Agentur, die Werbetexte anbietet. Geht’s noch umständlicher? Kaum. Aber einfacher:

“Wir schreiben für Sie.”

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21. Februar 2009

Von Hirschen und Jungfrauen: Fred Vargas' Krimi "Die dritte Jungfrau"

Natürlich ist die Handlung absurd und voller Nebenstränge. Obwohl am Ende alle Fäden zusammen laufen und wirklich noch das kleinste rätselhafte Detail zur Auflösung kommt.

Dicke Empfehlung und gleichzeitig eine Warnung: Wer darauf besteht, dass die Handlung eines Krimis realistische Züge trägt, ist hier vollkommen fehl am Platz. Dieser Roman steht eher in so einer Gespenstergeschichten-Tradition, mit Paris, der Normandie und den Pyrenäen als Schauplatz und einer Polizeibrigade um einen selten logisch vorgehenden Chef – einen “Wolkenschaufler” – als Protagonisten.

Ich hab’s verschlungen.

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26. November 2008

Wieder gelesen: "Unabhängigkeitstag" von Richard Ford

Es muss 1997 gewesen sein, als ich mir den überall hoch gelobten und mit etlichen Literaturpreisen ausgezeichneten Roman “Unabhängigkeitstag” von Richard Ford als Taschenbuch kaufte. Ich habe mich damals durch das Buch gerobbt, immer mit der Vorstellung, irgendwann müsse es doch mal richtig los gehen, wobei man unter es so etwas wie eine packende Handlung zu verstehen hätte: Aktionen, Konflikte, Dramen, Leidenschaften. Aber es ging nicht los. Fast 600 Seiten lang passierte nicht viel mehr, als dass ein pubertierender Junge einen Baseball aufs Auge bekommt und sein geschiedener Vater seine Existenz in diesem Stil beschreibt:

Ich führe das glückliche, wenn auch ein wenig gedankenverlorene Leben eines vierundvierzigjährigen Junggesellen im früheren Haus meiner Frau in der Cleveland Street 116, im sogenannten Präsidentenstraßen-Viertel von Haddam, New Jersey, wo ich in der Immobilienfirma Lauren-Schwindell in der Seminary Street arbeite.

Sowas zieht allenfalls dann in den Bann, wenn es sich um einen Kriminalroman handelt und man darauf hin fiebern kann, wann diese pedantisch ausgebreitete Normalität (sogar die Hausnummer wird genannt) wohl zum Schauplatz eines grausigen Verbrechens wird. “Unabhängigkeitstag” ist aber kein Kriminalroman. Kurzum, ich fand das Buch ziemlich langweilig, habe es aber – vielleicht aus Ehrfucht vor den vielen Preisen – irgendwann doch zuende gelesen. Ich erinnere mich gut daran, einem Bekannten von dem Buch und meiner Enttäuschung erzählt zu haben. Er selbst war ziemlich begeistert, hatte allerdings das amerikanische Original (“Independence Day”) gelesen. Er schob meine Enttäuschung auf die Übersetzung, die sei vielleicht schlecht. War sie aber gar nicht. Oder richtiger: Das kann ich bis heute gar nicht beurteilen. Aber inzwischen weiß ich, warum mir das Buch damals nicht gefallen hat: Ich war einfach zu jung. Das von Richard Ford so breit und detailversessen ausgebreitete, alles in allem nicht einmal besonders tragische Leben eines geschiedenen Familienvaters und Immobilienmaklers in der Existenzperiode (so bezeichnet der Protagonist diese Lebensphase) war geographisch, kulturell und altersmäßig so weit von mir weg – es interessierte mich überhaupt nicht.

Vor längerer Zeit laß ich kurz hintereinander ein Interview mit Richard Ford und einen Artikel über ihn und die Immobilienkrise in Amerika. Ich glaube, diese beiden Texte veranlassten mich, das alte Taschenbuch noch einmal hervorzukramen und “Unabhängigkeitstag” zum zweiten Mal zu lesen. Aber so genau weiß man bei Bücher oder Schallplatten ja nie, warum man sie auf einmal in Händen hält.

Mein Blick auf den Roman hat sich vollständig gewandelt, was vielleicht auf einer grundsätzlich anderen Erwartungshaltung als damals beruht. Witzige Geschichte zum Thema “Erwartungshaltung” am Rande: Der Verkauf des Buches soll von der Popularität des Films Independence Day profitiert haben, mit dem es nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, außer dass beide ungefähr zur selben Zeit aufkamen. Viele Leute sollen geglaubt haben, Ford hätte die Buchvorlage zum Film geschrieben.

Aber zurück zum Roman: Heute langweilt er mich überhaupt nicht mehr. Das hat viel mit der amerikanischen Immobilienkrise zu tun. Auf einmal ist man dankbar für einen zuverlässig erscheinenden Informanten. Ich lese “Unabhängigkeitstag” über weite Strecken wie eine glänzend geschriebene und mit analytischem Tiefgang gepaarte Reportage (was etwas fragwürdig ist, weil es sich um einen fiktionalen Text handelt, mir aber niemand verbieten kann und im Falle des ehemaligen Immobilienmaklers Richard Ford vielleicht auch gar nicht sooo abwegig zu sein scheint). Dank Richard Ford verstehe ich (oder meine, zu verstehen), wie der Immobilienmarkt in den USA funktioniert hat: Preiswert kaufen, hoffen dass sich Wohngegenden entwickeln und die Preise steigen, mit Gewinn verkaufen, dadurch Schulden tilgen, das nächste Objekt kaufen… Frank Bascombe, der “Held” diese Romans, kommt dabei während seiner Tätigkeit als Immobilienmakler zu Einsichten wie derjenigen, dass

die Menschen nie die Häuser finden oder kaufen, die sie ihrer Aussage nach finden oder kaufen wollen. Die Marktwirtschaft, das habe ich gelernt, basiert nicht einmal entfernt auf der Prämisse, dass jemand bekommt, was er will. Die Prämisse geht vielmehr dahin, dass einem etwas vorgestellt wird, was man eigentlich nicht wollte, was aber verfügbar ist, woraufhin man nachgibt und sich dann einredet eine gute Entscheidung getroffen zu haben.

Sobald man diesen Roman als ein großes Sittengemälde wahrnimmt und die endlosen Detailschilderungen und den peramenten Gedankenstrom nicht mehr als zähe literarische Masse, sondern als Möglichkeit begreift, einen intimen und unpathetischen Einblick in den amerikanischen Alltag zu bekommen, liest man dieses zweite Buch aus Richard Fords Romantrilogie um Frank Bascombe, den Durchschnittsamerikaner, mit großem Gewinn.

Hier eine ausführliche Kritik, bei Dieter Wunderlich gibt es auch eine ausführliche Inhaltsangabe.


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23. September 2008

Matthias Matussek: Wir Deutschen - Warum uns die anderen gern haben können

Mein Leihausweis von der öffentlichen Bücherei bringt es mit sich, dass ich Neuerscheinungen oft erst lese, wenn die von ihnen geschlagenen Wellen längst verebbt sind. So kam auch Wir Deutschen von Matthias Matussek mit dem provokanten und trotzigen Untertitel Warum uns die anderen gern haben können erst jetzt in meine Hände – über zwei Jahre nachdem das Buch erschienen war.

Dabei hatten Matussek und der S. Fischer-Verlag im Jahr 2006 eine publizistische Punktlandung geschafft. Kaum war das Buch da, begann die Fußball-WM in Deutschland. Mit ihr erfasste eine fröhliche und gewaltlose Euphorie das ganze Land. Die Deutschen richteten der Welt eine tolle Fußball-Feier aus und feierten sich gleichzeitig dafür ein wenig selbst. Dabei war die Selbsternennung zum „Weltmeister der Herzen“ ja wirklich ein bißchen dicke. „Eigenlob stinkt“, sagt man in Westfalen.

Matussek lieferte, als hätte er’s geahnt, dem schwarz-rot-goldenen Fähnchenjubel im Vorhinein sowas wie den intellektuellen Überbau. Natürlich kam er ins Fernsehen und sein Buch in die meisten Zeitungen. Warum auch nicht? Besser, Matthias Matussek spricht über Alexander von Humboldt als Verona Pooth über Spinat. Ich hatte ihn, ehrlich gesagt, damals ein wenig in Verdacht, ein Dampfplauderer und Schaumschläger zu sein. Das Buch revidiert diesen Eindruck gründlich. Seine Fernsehauftritte beförderten leider seine Popularität mehr als seine Reputation.

Nun also zum Buch. Wir Deutschen ist fantastisch geschrieben – witzig, pointiert, abwechslungsreich. Kein Vergleich zur so trocken und umständlich formulierten Kultur der Freiheit von Udo di Fabio, mit dem Wir Deutschen nicht nur den schwarz-rot-goldenen Schriftzug auf dem Titel, sondern auch manchen Gedanken teilt, selbst wenn Matussek, vielleicht bedingt durch Herkunft und Beruf, aus einer etwas anderen Perspektive auf das Land und seine Kultur blickt. Die Provokation ist di Fabio gänzlich fremd und gerät Matussek (zu) oft zum Selbstzweck. Man muss Joschka Fischer nicht mögen, um Matusseks Sätze über ihn und seine Frau als beleidigend zu empfinden. Und den Nationalsozialismus als „Hitlerei“ zu bezeichnen, muss man irgendwo zwischen Schnoddrigkeit und Verharmlosung einsortieren: Raucherei, Trinkerei, Hitlerei … alles gleich schlimm? Mich nervt dabei, dass Matusseks Provokationen so kalkuliert und inszeniert wirken – immer mit festem Blick auf die Auflage.

Der Autor nimmt die Animosität der Briten gegen Deutschland zum Leitfaden für sein Buch und findet damit einen Kunstgriff, um aus der Opferrolle heraus argumentieren zu können. Das ist oft witzig und oft etwas durchschaubar. (Wobei es auch mich befremdet hat, vor einigen Jahren in Heathrow Plakate zu sehen, die mit dem Spruch „Invade Germany“ für preiswerte Flüge nach Deutschland warben, und dass ein Hotelgast in London nach Entdeckung meiner Nationaltät den “Hitlergruß” machte, fand ich auch nicht witzig – manche Klage, die Matussek führt, ist leider nur allzu berechtigt!) Außerdem enthält das Buch fürs Thema vielleicht doch etwas nichtssagende Interviews mit Heidi Klum oder Sarah Kuttner und strotzt auch sonst nur so vor Name-Dropping und anderen Selbstverliebtheiten. Aber es enthält eben auch wunderbare Abschnitte über Heinrich Heine und Alexander von Humboldt, die Nibelungensage und die Varusschlacht, über deutsche Geschichte, Kunst und Kultur. Auf der anderen Seite kann man Matussek vorwerfen, dass seine Annekdötchen oft nicht mit dem Thema auf einer Höhe sind und er präzise Definitionen ebenso meidet (Wer sind „wir Deutschen“ überhaupt?) wie die angemessene Darstellung von Gegenargumenten (Welche Bedeutung kommt der Nation überhaupt noch zu, wenn unsere Geschicke vorwiegend vom Preis für Rohöl, dem Wohlergehen amerikanischer Banken und dem Schmelzen der Polkappen abhängen?). Trotzdem hat er ein schönes, witziges und inhaltsreiches Plädoyer für einen etwas selbstbewussteren Blick auf unser Land geschrieben.

Mein Fazit nach der Lektüre: Das Buch ist geschwätzig, eitel und unvollständig – und trotzdem eine ganz dicke Empfehlung wert.


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19. August 2008

Zurück an die Arbeit

Eigentlich schade.

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5. März 2008

Auswendig?

Auswendig. Zum Beispiel ein Musikstück auswendig spielen. Ja, auch im Deutschen klingt dabei an, dass etwas aus dem Inneren nach außen gebracht wird. Aber auf Französisch oder Englisch klingt das eben doch viel schöner und vielsagender: par cœur oder by heart.

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13. Februar 2008

Thilo Baum kauft einen "Ipod", ärgert sich über Rechtschreibung mit vorauseilendem Gehorsam gegenüber Firmen-PR und verzweifelt an einer Apple-Hotline

Lesenswert!

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