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14. Mai 2010

125. Geburtstag von Otto Klemperer

Ein Leserkommentar erinnerte mich heute an den 125. Geburtstag von Otto Klemperer.

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10. Mai 2010

Die u.a. von Robert Schumann herausgegebene "Neue Zeitschrift für Musik" ist online

Quelle: Screenshot Google Bücher online

Ein gewisser Dr. Robert Schumann gründete 1834 mit seinem späteren Schwiegervater Friedrich Wieck die Neue Zeitschrift für Musik. Diese interessante und längst gemeinfreie Quelle hat Google online zugänglich gemacht.

Übrigens existiert die Neue Zeitschrift für Musik bis heute; hier die aktuelle Internetseite.

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19. Februar 2010

Richard Mohr - RCA Recording Icon

Richard Mohr/ Lewis Layton steht auf vielen Covers der von audiophilen Klassikliebhabern hoch geschätzten RCA-LPs der LSC-Reihe. Durch Zufall – eigentlich suchte ich Informationen über den Dirigenten Dimitri Mitropoulos – stieß ich nun auf eine Seite, die den Produzenten Richard Mohr ausführlich vorstellt.

Und hier, zur Erinnerung, noch einmal grundlegende Informationen zum Sammlergebiet RCA LSC 1234….

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15. Februar 2010

Matthew Trusler bloggt

Matthew Trusler spielt mit einem Geigenbogen, der früher einmal Jascha Heifetz gehörte, auf einer Stradivari von 1711 – und ab und an findet er sogar Zeit zu bloggen.

matthew-trusler-korngold-rozsa-cd

Ich fand sein Blog, weil ich gerade seine aktuelle CD mit Aufnahmen der Violinkonzerte von Erich Wolfgang Korngold und Miklós Rózsa für Hifi & Records bespreche. Auch das ist ein erstaunliches Phänomen: Matthew Trusler betreibt sein eigenes CD-Label.

Da geht offenbar die Reise im Klassikbetrieb hin: Künstler suchen sich eigene Marketing-Instrumente und produzieren ihre eigenen Aufnahmen.

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11. Februar 2010

"Interview mit der Wahrheit" über Plattenverträge

Alice Hive hat einen Band-Musiker interviewt:

Das Musikbusiness verhält sich nach innen wie nach außen: Viel Show, wenig Substanz, viel Gerede, wenig Tat, das Spiel mit den Träumen der Menschen und eine ausgeprägte Abneigung gegen die Realität.

Interessante, wenn auch keineswegs überraschende Einblicke ins Musik-Business. Hier das ganze Interview.

Ich muss in dem Zusammenhang daran denken, dass Michelle Shocked vor etlichen Jahren ihr damaliges Plattenlabel erfolgreich unter Berufung auf das Verbot der Sklaverei verklagt hatte.

(via Januar-Linktipps von blog.funkygog.de, auf die ich in den Besuchsprotokollen meiner Seite aufmerksam wurde)

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9. Februar 2010

Wieviel Demokratie verträgt die Klassik?

Unter diesen Bedingungen wollte Christian Thielemann nicht mehr länger in München bleiben: Das Angebot zur Vertragsverlängerung enthielt, wie Julia Spinola am 23.07.2009 in der FAZ berichtete, die folgende Klausel: „Gastdirigenten, -programm und –solisten werden in Abstimmung mit dem Generalmusikdirektor vom Intendanten festgelegt.“ Das hätte den Gestaltungsspielraum des Chefs der Münchner Philharmoniker enger als bisher gefasst. Bei der Auswahl von Gastdirigenten wäre ihm nur noch ein Mitspracherecht zugekommen.

Thielemann hat die Konsequenzen gezogen; er verlässt München und geht nach Dresden – eine normale, zumindest aus seiner Perspektive verständliche Reaktion auf die Beschneidung von Einfluss- und Entscheidungsmöglichkeiten. Insofern geht es mir hier und jetzt auch nicht um Christian Thielemann. An seinem Fall wurde nur offenkundig, worauf viele Orchesterchefs noch heute bestehen, als handele es sich um ein ihnen mit geradezu naturgegebener Selbstverständlichkeit zukommendes Recht wie das von Eltern, ihre eigenen Kinder zu erziehen: Sie wollen bestimmen, wer wann welche Werke mit „ihrem“ Orchester aufführen darf. Viele Anstellungsverträge räumen ihnen offenbar auch genau dieses Recht ein; bei Thielemanns früherem Vertrag war es offenbar so.

Eine ausgesprochen seltsame Praxis. Schließlich sind Orchester nicht das Privateigentum von Dirigenten, sondern öffentlich finanzierte, riesige Apparate mit Millionenetats und oft über hundert hochqualifizierten und sehr gut bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die meisten Klangkörper in Deutschland stehen in der Trägerschaft von Städten. Die Kommunalpolitik entscheidet bei ihnen über Finanzen und Stellenpläne; das sind zwei wichtige Steuerungsinstrumente der lokalen Demokratie. Aber die Generalmusikdirektoren, die kontrolliert fast niemand. Sie schalten und walten wie Sonnenkönige.

Sollen Kommunalpolitiker etwa den Chefdirigenten und GMDs bis in ihre Konzertprogramme hinein reden? Natürlich nicht, oder besser: im Gegenteil. Ihre vornehmste Aufgabe liegt gerade darin, der Kunst und den Künstlern möglichst große Räume der Freiheit zu schaffen und zu erhalten. Das gelingt ihnen im Falle der Orchester allerdings am besten, wenn sie zweierlei verhindern: Erstens dürfen die Klangkörper unter keinen Umständen zum Faustpfand von Einladungskartellen werden können, wo sich GMDs und Chefdirigenten gegenseitig lukrative Gastdirigate zuschieben. Zweitens muss es Orchestern möglich sein, sich auch gegen den Willen ihrer Chefs für künstlerische Anregungen von außen zu öffnen. Um ein Beispiel zu konstruieren: Was wäre gewesen, wenn die Münchner Philharmoniker gerne ein Beethoven-Programm mit Roger Norrington oder eine Bruckner-Sinfonie mit Michael Gielen erarbeitet hätten? Die Entscheidung für oder gegen entsprechende Einladungen läge alleine bei Christian Thielemann – eine absurde Vorstellung.

München hat richtig gehandelt. Verträge, in denen GMDs oder Chefdrigenten als Alleinherrscher über Orchester installiert werden, gehören abgeschafft. Vielleicht lag ihr Sinn irgendwann einmal darin, den Orchesterleitern ein künstlerisch unabhängiges Arbeiten, frei von der Einmischung durch Dritte, zu garantieren. Heute stehen sie der Kunstfreiheit aber eher entgegen.

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7. Februar 2010

Siegfried Lauterwasser - Karajans "Hausfotograf" hatte eine Vorgeschichte

“Foto: Siegfried Lauterwasser”, so steht es unter oder neben manchem veröffentlichten Foto von Herbert von Karajan. Was mir nicht klar war, dieser Blog-Eintrag aber andeutet und inzwischen auch im Wikipedia-Eintrag über Siegfried Lauterwasser zu lesen ist: Der in Überlingen am Bodensee geborene Fotograf war während des Zweiten Weltkriegs als Bildberichterstatter in einer Propaganda-Kompanie tätig und hatte sich auch zuvor schon fotografisch für den Nationalsozialismus engagiert.

Foto: Siegfried Lauterwasser / DG

Gibt es da womöglich so etwas wie “ästhetische” Kontinuitäten? Dieses sehr bekannte Foto von Herbert von Karajan und viele andere legen den Gedanken zumindest nahe, auch wenn es keine ausgesprochene (etwa für die Arbeiten von Leni Riefenstahl typische) Untersichtsperspektive zeigt, sondern nur einen imperativen Blick und eine imperative Gestik (die für Dirigenten gewiss nicht untypisch ist und insofern nicht zwingend zu Misstrauen berechtigt). Aber von anderen Vertretern der Karajan-Generation – Solti, Bernstein, Giulini – kennt man vergleichbare Fotos eigentlich nicht … Auf “offiziellen”, für Plattencover und andere Publikationformen vorgesehenen Fotos ließen sich die Karajan-Kollegen eher nachdenklich, versunken, visionär oder freundlich-lächelnd fotografieren (die Google-Bildersuche tritt jederzeit den Beweis dafür an!).

Ich bin nur ein interessierter Laie, finde aber, dass dieses Thema geradezu nach einer eingehenden kunsthistorischen Untersuchung ruft.

Wichtige Fragen könnten dabei sein:

- Unterscheiden oder gleichen sich Lauterwassers Propaganda-Fotos von seinen Karajan-Fotos?

- Welche Kritierien legte Karajan bei der Auswahl von Fotografen und Fotografien an?

- Wie wurden die Lauterwasser-Fotos im Nachkriegsdeutschland wahrgenommen? Gab es kritische Stimmen zu dieser Art der Inszenierung?

In dem Zusammenhang finde ich es interessant, dass noch im Jahr 2008 in einer Ausstellungsankündigung die Vergangenheit Lauterwassers offenbar überhaupt keine Rolle gespielt hat.

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21. Januar 2010

Komponisten der Gegenwart; Begriffe der Neuen Musik

Der SWR bietet auf seiner Internetseite zwei starke Nachschlage-Möglichkeiten:

Komponisten der Gegenwart

Begriffe der Neuen Musik

Gut gemacht, finde ich.

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20. Januar 2010

William Hogarth: Der Musiker in Wut

Quelle: www.gutenberg.org bzw. en.wikipedia.org

Die Kammermusikkammer stellt in diesem Eintrag nicht nur eine CD mit Klarinettenwerken von Mozart vor, sondern vor allem ein offenbar hoch interessantes Buch, in dem sich Kommentare von Georg Christoph Lichtenberg zu Bildern von William Hogarth finden.

Nach meinem Eindruck bezieht sich das Bild auf die Konkurrenzsituation zwischen höfischer Musik und der Musik “auf der Straße”. Man beachte auch die Ausschnitte mit Details aus dem Bild, die auf der Kammermusikkammer-Seite zu sehen sind.

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6. Januar 2010

David Oistrachs Saitenwahl

Der sowjetische Geiger David Oistrach soll auf G- und D-Saiten aus Darm und A- und E-Saiten aus Stahl gespielt haben, um einen besonders stimmigen Übergang von der A- zur E-Saite zu erzielen.

Welche Saiten nutzen moderne Solisten? Manche Gitarristen erwähnen Herstellernamen in CD-Booklets und in Programmtexten. Bei Streichern habe ich so etwas noch nie gelesen.

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8. Dezember 2009

Herbert von Karajan über Musik der Gegenwart und andere Themen

Ein interessantes, zum Teil aber auch befremdlich wirkendes Interview, das Herbert von Karajan der Zeitschrift Stereo Review gab. Befremdlich, weil Karajan bestimmte musikalische Kompetenzen vor allem aus Afrika stammenden Menschen zuschreibt. Überschreitet das Gesagte schon die Grenze zum Rassismus? Ich weiß es nicht. Es ist jedenfalls sicher nicht im Sinne einer Herabsetzung gemeint.

Und noch etwas irritiert, nämlich diese Selbsteinschätzung Karajans: “As for myself, I can tolerate wrong notes, but I cannot stand unstable rhythm.”

Damit liegt er nach meiner Wahrnehmung ziemlich daneben. Gerade das Rhythmische gehörte nicht zu seinen Stärken. 2008 schrieb ich: “Problematisch sind seine Aufnahmen von Musik, die eine hohe rhythmische Präzision verlangt und ein beharrlich kühles Herz, das sich nicht mitreißen lässt und seinen Stiefel durchzieht: Den Boléro von Ravel oder Le sacre du printemps von Strawinski (beide von HvK 1964 für die DG aufgenommen) haben Pierre Boulez oder Pierre Monteux besser im Griff” (aus: Herbert von Karajan und die Schallplatte, erschienen in image hifi 3/2008).

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26. Oktober 2009

Kjell Westö: Wo wir einst gingen (Roman)

Vor ein paar Monaten habe ich in hifi & records über das Violinkonzert von Jean Sibelius geschrieben. Ich hatte damals ein wenig Biografisches gelesen. In den meisten Darstellungen stehen Sibelius’ Trunk- und Verschwendungssucht sowie die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner finnischen Heimat gegenüber dem russischen Zaren im Vordergrund.

Wie konfliktreich und vielschichtig das Leben in Finnland zur Zeit der Jahrhundertwende und danach tatsächlich war, erfährt man dabei aber kaum. So wusste ich zum Beispiel gar nicht, dass 1918 in Finnland ein drei Monate dauernder Bürgerkrieg stattgefunden hatte, an dem übrigens auch deutsche Kampfverbände beteiligt waren. Kjell Westö, der wie Jean Sibelius zur schwedischsprachigen Minderheit in Finnland zählt, hat über diese Zeit einen Roman mit einem großen Tableau an Figuren aus allen Schichten der finnischen Gesellschaft geschrieben. Diesen Roman lese ich gerade; er ist spannend, anrührend und informativ.

Westö, Kjell; Wo wir einst gingen; München 2006

Der Perlentaucher hat ein paar Rezensionen.

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14. Oktober 2009

Duncan (eine Figur aus "Juliet, Naked" von Nick Hornby) über Musik in Form von Dateien:

Kurze Zeit später schickten ihm Leute von Messageboards erstmals Songs, die sie an E-Mails angehängt hatten, und das war nicht minder geheimnisvoll, denn es bedeutete, dass aufgezeichnete Musik nicht, wie er es vorher gedacht hatte, etwas Gegenständliches war – eine CD, ein Stück Vinyl, eine Spule Magnetband. Man konnte sie auf ihren Wesenskern reduzieren, und dieser Kern war etwas nicht Greifbares. Das machte die Musik noch besser, schöner, geheimnisvoller, fand er jedenfalls.

Finde ich nicht.

(aus: “Juliet, Naked” von Nick Hornby, Köln 2009)

Bin noch nicht sehr weit in dem Buch und lese noch mit großem Vergnügen.

Hier ein paar Links:

Nick Hornby im Interview bei der Welt

Rezension im WDR

Rezension im HR

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30. September 2009

Wilma Cozart Fine gestorben

Im Analog-Forum las ich den Hinweis, dass Wilma Cozart Fine gestorben sei. Dort war auch dieser Artikel in der NY-Times verlinkt.

Wilma Cozart Fine verantwortete die Klassik-Aufnahmen des unter Audiophilen sehr geschätzten Labels Mercury Records. Unter musikalischen Gesichtspunkten sind dabei vor allem die Aufnahmen des Cellisten János Starker bedeutsam. Vor etlichen Jahren hatte Wilma Cozart Fine das Label Philips bei der Wiederherausgabe einiger Mercury-Aufnahmen auf CD unterstützt und war damit noch einmal in die Öffentlichkeit getreten.

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28. September 2009

40 Jahre Edition of Contemporary Music - Geschichte des Tonträgerlabels ECM

Transparenz für Leserinnen und Leser: Es handelt sich hier nicht um einen Artikel, sondern um PR-Material, das das Label verbreitet. Allerdings fand ich die darin zusammengefasste Geschichte von ECM interessant genug, um den Text hier zu veröffentlichen.

1972 berichtete der Spiegel erstmals über das Label eines 29-jährigen Münchner “Einzelgängers”, für das sich immer mehr prominente US-Musiker interessierten: Weil dort, so das Nachrichtenmagazin, die “derzeit besten Jazz-Aufnahmen” erschienen, “mustergültig in Klang, Präsenz und Pressung”. Zweieinhalb Jahre lag die Gründung der Firma ECM durch Manfred Eicher damals zurück. Der in Lindau geborene Musiker hatte in Berlin Kontrabass studiert. Nachdem er früh seine Liebe zu Musikern wie Bill Evans, Miles Davis, dessen Bassist Paul Chambers und Paul Bley entdeckt hatte, beschäftigte er sich auch intensiv mit Jazz. Als Produktionsassistent bei der Deutschen Grammophon hatte er höchste Maßstäbe bei der Aufnahme klassischer Musik kennen gelernt. Die dort übliche Präzision und Konzentration begann er nun auch auf die improvisierte Musik zu übertragen.

Free at last lautete, durchaus programmatisch, der erste Titel des neuen Labels, ein Album mit Musik des Amerikaners Mal Waldron. Wegweisende Aufnahmen von Keith Jarrett, Jan Garbarek, Chick Corea, Paul Bley, Egberto Gismonti, Pat Metheny und anderen begründeten die Reputation von ECM. Seit Ende der siebziger Jahre tauchten regelmäßig auch Namen wie Meredith Monk und Steve Reich im Programm auf, und 1984 entstand mit der New Series eine eigene Reihe für notierte Musik. Ihr Spektrum reicht von den um das Jahr 1200 in Paris entstandenen Organa Perotins bis zu den Komponisten der unmittelbaren Gegenwart.

Arvo Pärt und Giya Kancheli, Valentin Silvestrov und Tigran Mansurian wurden durch die ECM New Series im Westen eingeführt; seit Jahren veröffentlichen György Kurtág und Heinz Holliger wesentliche Teile ihres Œuvres bei dem Münchner Label. Interpreten wie das Hilliard Ensemble, Kim Kashkashian, Gidon Kremer und András Schiff legen exemplarische Interpretationen der Klassiker vor und sorgen regelmäßig für aufregende Repertoire-Neuentdeckungen. Genre- und kulturübergreifende Projekte bilden einen Katalogschwerpunkt beider Reihen – von den Aufnahmen des “Codona”-Trios um 1980 über “Officium”, das Zusammentreffen zwischen Jan Garbarek und den Hilliards (1993), bis hin zu Jon Balkes im Frühjahr 2009 veröffentlichter Imagination altandalusischer Musik in seinem “Siwan”-Projekt. ECM gilt heute als “wichtigstes Markenzeichen der Welt für Jazz und zeitgenössische Musik”, wie der britische Independent einmal bemerkte.

Form und Beständigkeit der komponierten Musik haben Einzug in die Improvisation gehalten; andererseits wird in den inspirierten Interpretationen komponierter Werke immer wieder ein Moment von Risiko, Spontaneität und improvisatorischer Freiheit spürbar. Paul Griffiths, der britische Musikschriftsteller, bringt dies auf den Punkt: “ECM ist zu einem ganz eigenen Genre geworden, einem Genre mit unscharfen Rändern aber einer deutlich definierten Mitte. Angesiedelt an einem Ort, an dem Musik unabhängig von ihrer Herkunft geschätzt wird. In einer Zeit, in der noch keine endgültigen Festlegungen gelten, in der selbst eine Aufnahme – scheinbar Abschluss des kreativen Prozesses – ihren Wert darin erweist, dass sie eine Frage aufwirft, oder mehr als eine.”

Von Anfang an orientierte sich ECM am Modell literarischer Verlage. “Unsere Arbeit basiert auf dem Prinzip der Dauer”, hat Manfred Eicher kürzlich in einem Interview gesagt. Viele der Musiker, die Anfang der siebziger Jahre als Mittzwanziger ihre ersten Aufnahmen bei ECM vorlegten, sind dem Label bis heute verbunden. Ihre individuelle Entwicklung spiegelt die des Gesamtkatalogs ebenso wider wie das Label sich aus einer Fülle langfristiger künstlerischer Prozesse speist. Schon deshalb sollen die Aufnahmen grundsätzlich immer verfügbar bleiben; der Hörer soll stets alle Titel eines Autors erhalten können. “Wichtig ist auch, dass sich Beziehungen zwischen den Künstlern des Verlages entwickeln, denn das kommt ihrem Schaffen zugute”, sagt Eicher. Als Recording Producer versteht er sich als Partner der Künstler, der von der Auswahl der Aufnahme-Orte, über die musikalische Gestaltung des Albums bis hin zum Cover-Design federführend an allen Arbeitsprozessen beteiligt ist. À propos Cover: Die ECM-Plattenhüllen, viel bewundert und viel kopiert, haben Design-Geschichte geschrieben. Im Herbst dieses Jahres erscheint beim Schweizer Lars Müller Verlag ein opulenter Band über die Cover Art des Labels.

Oft wird ECM mit einem klaren und obertonreichen Aufnahmeklang identifiziert. Dennoch gilt, dass ein pauschaler ECM-Sound so nicht existiert. Die Aufnahme richtet sich nach dem Aufzunehmenden, nicht umgekehrt. “Natürlich wenden wir auch technisch alle erdenkliche Sorgfalt auf”, sagt Manfred Eicher. “Das Entscheidende aber ist die Musik selbst sowie die ästhetische Vorstellung, die mit ihr verbunden ist. Daraus ergeben sich jeweils die Charakteristika des Klangs. Das Gefäß richtet sich immer nach dem Inhalt.” Wie vielfältig diese Inhalte sind, machen die Veröffentlichungen des Jahres 2009 deutlich: Neben Arvo Pärts neuesten Werken auf In Principio stehen Ambrose Fields elektronische Annäherungen an Guillaume Dufay, neben Jan Garbareks erstem Live-Album unter eigenem Namen steht das Debüt des aufregenden New Yorker Trios “Fly” – um nur einen winzigen Ausschnitt des Spektrums zu nennen. Das Label hat übrigens nie über ein eigenes Tonstudio verfügt. Für jede Produktion wird ein akustisch wie atmosphärisch geeigneter Raum ausgewählt – sei es in Oslo, New York, Lugano oder Udine, sei es das funktionale Zürcher Radiostudio oder die Kapelle der idyllischen Propstei St. Gerold im österreichischen Vorarlberg.

Mehr als 1000 Alben liegen inzwischen vor, darunter Millionenerfolge wie Keith Jarretts Köln Concert, Pat Methenys Offramp und Return to Forever oder das erwähnte Officium. Vierzig Jahre unter unveränderter Leitung, hat sich ECM seine wirtschaftliche wie künstlerische Unabhängigkeit stets bewahrt. Die Firma im Münchner Westen mit kaum mehr als einem Dutzend Mitarbeiter stützt sich auf einen gut eingespielten internationalen Vertrieb, der in den Hauptmärkten von Großkonzernen, in den wichtigen anderen Ländern aber von kleinen, unabhängigen Firmen vertreten wird. Noch immer wächst die jährliche Produktion bei ECM auch quantitativ – und das in einer Zeit, da die Plattenindustrie sich offiziell in ihrer tiefsten Strukturkrise seit langem befindet. Manfred Eicher sieht sie distanziert: “Seit vierzig Jahren haben wir es jede Dekade wieder mit einer vermeintlichen ‚großen Krise’ zu tun. Die Ölkrise der frühen siebziger Jahre schien den Tod der Vinyl-Platten anzukündigen; heute droht das Ende des materiellen Tonträgers. Entscheidend ist, dass wir die besten Künstler unserer Zeit unter optimalen Bedingungen aufnehmen, ernsthaft und integer. Für die ökonomischen Probleme wird es immer eine Lösung geben. Kunst und Musik sind und bleiben ein elementares Bedürfnis der Gesellschaft!”

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