Platte11

12. April 2010

Antonio Muñoz Molina: Die Augen eines Mörders

Ich finde es immer wieder interessant, wie Hifi, vor allem aber bestimmte LPs, CDs oder einfach Musikstücke in der Literatur genutzt werden, um ein Geschehen zeitlich einzuordnen, eine Lebenssituation zu beschreiben oder einen Menschen zu charakterisieren. Zum Beispiel in einem Kriminalroman von Antonio Muñoz Molina:

Von ihrem ersten Gehalt bezahlten sie die erste Rate einer großen Stereoanlage, fast der einzige solide oder wertvolle Gegenstand in der Wohnung, mit glänzenden Silberknöpfen und Anzeigenadeln, die hin und her ruckten wie die Seismographen, in jener Zeit, als die Digitaltechnologie noch nicht erfunden war.

(...)

Eine Platte gab es jedoch, die ihr von allen am besten gefiel und die sie immer noch auswendig kann, obwohl sie sie schon lange nicht mehr gehört hat, eine Auswahl der Lieder von Joan Manuel Serrat, die sie möglichst nur dann auflegte, wenn er nicht zu Hause war, nicht weil er sie offen kritisiert hätte, sondern weil er sie mit einer gewissen Herablassung belächelte, mit so einem besonderen Lächeln, das einen ganzen Charakter offenbart und zur Wachsamkeit gemahnt, von geduldiger Geringschätzung und unermüdlichem pädagogischem Sendungsbewusstsein. Von dieser Platte gefiel ihr besonders das Lied “Tiempo de Iluvia”: Ihr schien, als handle es gerade von jenem Herbst ihres Lebens, als alles begann, mit zweiundzwanzig Jahren, mit klarem Himmel am Morgen und Wolken an windigen Abenden, wenn nichts Schöneres vorstellbar war, als nachts ins Bett zu gehen und auf der Haut das warme dankbare Streicheln der Laken zu spüren, vom Schweiß des Sommers befreit, sinnlicher jetzt und neu erblüht, mit einem Übermaß an Empfindsamkeit, das sie noch nicht mit ihrer Schwangerschaft in Verbindung brachte, mit dem sprießenden Leben, das in ihrem Leib heranwuchs.

zitiert aus: Muñoz Molina, Antonio; Die Augen eines Mörders; Hamburg 2000

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