9. September 2009
Das Internet-Manifest. Nur ein paar Anmerkungen.
Wer es noch nicht mitbekommen hat: Am 7.09.2009 haben ein paar so genannte A-Blogger, ein Werber und mehrere Journalisten ein Internet-Manifest veröffentlicht. Es enthält 17 Behauptungen zum Thema: „Wie Journalismus heute funktioniert“.
Nur ein paar schnelle Anmerkungen dazu, weil mich das Thema grundsätzlich interessiert und betrifft. Von diesem Manifest bin ich allerdings enttäuscht. Es kommt mit einem großen Anspruch daher, bietet aber nicht viel mehr als heiße Luft.
Anknüpfung bei Cluetrain
Vermutlich wollen die Unterzeichner mit dem Begriff “Internet-Manifest” bei dem vor zehn Jahren veröffentlichte Cluetrain-Manifest anknüpfen. Das Cluetrain-Manifest war damals ein ähnliches Geschwurbel und hatte ziemlich viel Aufmerksamkeit erfahren.
Unklare Begriffe und ziemlicher Unsinn
Im Internet-Manifest ist ständig vom Journalismus die Rede, aber es wird nicht klar gesagt, was das für die Unterzeichner überhaupt ist, der Journalismus. Stattdessen gibt es dunkle Andeutungen. Demnach „wird der Journalismus seiner Schlüssellochfunktion beraubt“, die journalistische Qualität unterscheidet ihn von „bloßer Veröffentlichung“, er hat „gesellschaftsbildende Aufgaben“ und „Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen zur Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.“
Mit Verlaub, aber das ist teils ungenau formuliert und teils ziemlicher Unsinn. Mit zwei Gedanken möchte ich mich kurz beschäftigen. Was meinen die Unterzeichner mit „Schlüssellochfunktion“? Dass der Journalismus dem Lesepublikum nur einen eingeschränkten Blick auf die Welt ermöglicht? Dass der Journalismus selbst nur einen eingeschränkten Blick auf die Welt besitzt? Oder ist die Gatekeeper- bzw. Schleusenwärterfunktion gemeint, wobei es hier besser gewesen wäre, diesen Fachterminus aus der Nachrichtenforschung im Interesse der Präzision dann auch zu benutzen.
Und was hat Journalismus mit „Refinanzierung im Netz“ zu tun? Fordern die Unterzeichner eine Aufhebung der Trennung zwischen Redaktion und (im weitesten Sinne) der Anzeigenabteilung? Aus journalistischer Sicht wäre eigentlich gerade das Gegenteil zu fordern: Im Interesse unabhängiger Berichterstattung dürfte die Refinanzierung beziehungsweise die Einnahmeseite eben kein Thema für den Journalismus sein – sondern für das Verlagswesen, das ihm den Rücken frei hält. Dass die Realität hier draußen wiederum gelegentlich eine andere sein mag – geschenkt.
Information oder Desinformation?
Die fünfte These aus dem Internet-Manifest lautet: “Das Internet ist der Sieg der Information.” Das ist insofern richtig, als dass es heute viel schwerer fallen dürfte, irgendwelche Nachrichten zu unterdrücken. Auf der anderen Seite siegt im Internet keineswegs nur die Information. Das www ist nämlich auch der Ort der Desinformation. Hier verbreiten sich auch Verschwörungstheorien und Maßnahmen des viralen Marketings. Die These vom Sieg der Information ist also einseitig formuliert. Damit enthält sie selbst keine Information, sondern nur Meinung. Sie führt sich selbst ad absurdum.
Viele Fragen sind liegen geblieben
Nur noch ein letzter Punkt, weil ich das Suhlen in diesen autoreferenziellen Themen für ziemlich unergiebig halte (ja, ja, ein Widerspruch dazu, dass ich mich hier überhaupt äußere…). Es gibt viele Fragen und Themen, die von einem Internet-Manifest hätten angesprochen werden müssen. Nur ein paar davon:
- Wie stellt man im Internet die Unterscheidung zwischen Nachricht und Meinung sicher?
- Wie geht man damit um, dass es immer mehr kleine Produktionseinheiten gibt, bei denen eine Trennung zwischen Journalismus (zur Unabhängigkeit verpflichtet) und Geschäft (zum Erzielen von Einnahmen verdammt) nicht möglich ist?
- Was meinen die Unterzeichner zur Bedrohung der Presse- und Meinungsfreiheit durch das Abmahnwesen (Stichwort: „Abmahn-Abzocke“) ? Ich hätte hier gerne eine Forderung nach einer Kostendeckelung gelesen, wie Brigitte Zypries sie (leider nur) für Abmahnungen im Zusammenhang mit Urheberrechtsverletzungen angedacht hatte.
- Wer soll sich eigentlich durch das Manifest verpflichtet fühlen? Ich habe den Eindruck: die Verlagshäuser und die Print-Journalisten. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, wenn die Unterzeichner – allesamt in den digitalen Medien tätig – sich zunächst einmal für sich selbst einen Forderungskatalog aufgestellt hätten, zum Beispiel in Form einer Selbstverpflichtung?
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Vorschlag: Selbstverpflichtung statt Manifest der Forderungen
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- Wir publizieren im Internet und wahren dabei journalistische Standards.
- Wir trennen zwischen Nachricht, Meinung und Werbung.
- Sofern wir uns zu einem Thema äußern, bei dem wir in Interessenkonflikten stecken, machen wir das transparent.
- Wir fördern den Dialog und stellen dafür Kommentarfunktionen zur Verfügung.
- Kommentare werden nicht gelöscht, es sei denn, sie sind beleidigend, rassistisch oder…
- usw.usf.
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Ich meine: Ein Internet-Manifest zum Thema „Journalismus im Netz“ ist überfällig. Aber es sollte zunächst einmal aus einer Selbstverpflichtung zu bestimmten Qualitätsstandards bestehen. Umso berechtigter könnte man anschließend auch Forderungen an andere (Verleger, Gesetzgeber, Lesepublikum) stellen.
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