17. September 2009
Das Regietheater und die Historische Aufführungspraxis
Nein, keineswegs will ich etwas zur Regietheater-Debatte sagen, die Daniel Kehlmann mit seiner Rede anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele angestoßen hatte. Kehlmanns Ansprache ist nicht zuletzt (um nicht zu sagen: sie ist zuvorderst) eine Hommage an seinen Vater, den Theater- und Fernsehregisseur Michael Kehlmann, dessen Stern rapide sank, als das so genannte Regietheater sich durchsetzte. Die Diskussion um das Regietheater flammt immer mal wieder auf, und ein wenig hält sie den Betrieb wohl auch am Laufen. Gäbe es nicht immer wieder Leute, die sich geradezu reflexartig über meines Erachtens manchmal arg kalkulierte Provokationen aufregen, dann wäre das Regietheater vielleicht schon lange kein Thema mehr. Aber ich will hier gar nicht vorgeben, vom Theater etwas zu verstehen. Ich war das letzte Mal im Theater, da war Leander Haußmann in Bochum noch Intendant. Ist viele Jahre her. Es ist lange her, dass ich im Theater war. Bestimmt drei Jahre.
Es geht mir um eine Beobachtung oder Behauptung von Daniel Kehlmann. Er sagte während der Eröffnungsrede: „Bei uns ist etwas Absonderliches geschehen. Irgendwie ist es in den vergangenen Jahrzehnten dahin gekommen, dass die Frage, ob man Schiller in historischen Kostümen oder besser mit den inzwischen schon altbewährten Zutaten der so genannten Aktualisierung aufführen solle, zur am stärksten mit Ideologie befrachteten Frage überhaupt geworden ist.“
Mich interessiert daran folgender Aspekt: Die Grundidee von Schiller in historischen Kostümen und Mozart auf historischen Instrumenten ist gleich. In beiden Fällen geht es darum, dem Publikum eine „historisch informierte“ Aufführung zu bieten. Alle Beteiligten wissen dabei, dass man sich weder in das Jahr 1782 zur Mannheimer Uraufführung der Räuber noch ins Jahr 1787 ins Nationaltheater von Prag zur ersten Don Giovanni-Premiere „beamen“ lassen kann. Aber im Vordergrund steht die Frage, wem der Vorrang eingeräumt wird: Schiller oder Peymann, Mozart oder Karajan. Wer sich für Schiller und Mozart entscheidet, nimmt nach meinem Verständnis eine konservative, im Sinne von „bewahrende“ Position ein. Ich verbinde mit dieser Feststellung ausdrücklich keine Wertung.
Auf die Frage der Wertung kommen wir nämlich jetzt – und sie wird widersprüchlich beantwortet. Man stelle sich bitte einmal ein Gespräch in einem Klassiksender vor. Das könnte ungefähr so ablaufen:
Intendant: Was haben wir denn noch auf dem Sendeplan?
Redakteur: Mozart. Don Giovanni.
Intendant: Hm. Welche Aufnahme?
Redakteur: Herbert von Karajan, 1985
Intendant: Wie, den ollen Schinken? Mit dem Breitwandsound der Berliner Philharmoniker? Das kann man doch heute nicht mehr machen. Haben wir keine moderne Einspielung?
Redakteur: Wie, modern?
Intendant: Ja, modern halt. Also historisch. Harnoncourt oder Gardiner oder Herreweghe oder so. Mit Originalinstrumenten. Sie wissen schon …
Und jetzt versetzen wir uns in das Intendantenbüro eines deutschen Stadttheaters. Ein dort geführtes Gespräch könnte so stattfinden:
Intendant: Was steht noch auf dem Spielplan?
Dramaturg: Schiller. Die Räuber.
Intendant: Hm. Was brauchen wir?
Dramaturg: Historische Kostüme, historische Möbel, Wachskerzen, eine Urtext-Ausgabe, …
Intendant: Halt, nicht die ollen Kamellen. Das kann man doch heute nicht mehr machen. Wir müssen das modern inszenieren!
Dramaturg: Wie, modern?
Intendant: Ja, modern halt. Also unhistorisch. Am besten, die Räuber tragen Frauenkleider, dann merkt man gleich, wie innovativ der Regie-Ansatz ist. Und dann vielleicht noch einen DJ auf die Bühne. Das bringt Stimmung. Damit kommen wir in „Aspekte“.
Dramaturg: Und welche Textausgabe der Räuber?
Intendant: Google mal. Gibt bestimmt was im Internet. Umsonst. Das kürzen wir dann und ergänzen es um Vernehmungsprotokolle aus der Balsam-Affäre. Da machen wir eine schöne Collage. Mit Schiller allein holen wir ja heute niemanden mehr hinter dem Kachelofen hervor …
Ich sehe da einen Widerspruch. Den kann ich nicht auflösen. Auch ich empfinde „historisch informierte“ Musikaufführungen nämlich als „moderner“ und Theater in historischen Kostümen als altbacken. Doch warum gilt die Annäherung an die Enstehungszeit einmal – in der Musik – als adäquates Mittel, und einmal – im Theater – ganz und gar nicht? War Karajan mit seinem Breitwand-Sound vielleicht der Zadek des Klassik-Betriebs, weil er Mozart „aktualisierte“? Hat eine plüschige Räuber-Inszenierung mit historischen Kostümen etwa Norrington-Niveau?
* * *
Kommentare
Die historische Aufführungspraxis in der Musik ist rückwärtsgerichtet, versucht, das Gewesene in seinem originären Ursprung, in seinem originären Wesen zu reproduzieren. Wie klang die Hammerklaviersonate als Beethoven sie auf seinem Erard (oder anderes Modell) komponierte? Und so weiter.
Dieser Zusammenhang ist m. E. mit “historischen Theateraufführungen” nicht zu vergleichen, schließlich bringen historische Kostümchen nicht ein “mehr” an Authentizität – ob historisch informierte Musikaufführungen frelich dies auch korrekt und gütlig tun, ist wiederum eine andere Frage.
Klassiker heutzutage zu interpretieren bedeutet auch und unbedingt die Inhalte des Stücks vermittels der Gegenwärt prüfen zu lassen, oder – populär gesagt: was hat uns das Stück heute noch zu sagen? Dabei helfen historische Fetzen nicht weiter, auch ich würde Karl Moor heute eine (verschlissene) Jeans verpassen ;-)
Philipp · 21.09.2009 · #Dieser Zusammenhang ist m. E. mit “historischen Theateraufführungen” nicht zu vergleichen…
Ja Philipp, das ist ja genau der Punkt: Warum bringt die Hinwendung zu den Aufführungsbedingungen aus der Entstehungszeit im einen Fall – der Musik – überzeugende bis begeisternde Ergebnisse, im anderen Fall – dem Theater – führt genau das aber in eine Sackgasse?
Ich möchte betonen, dass ich weder etwas gegen moderne Inszenierungen noch gegen alte Instrumente habe – nur verstehe ich einfach nicht, wie unterschiedlich da offenbar gewertet wird.
Vielleicht ist das Theater ja auch noch nicht so weit. Vielleicht kommt das ja noch, dass irgendwann “historisch informiert” inszeniert wird. Mit akribischer Arbeit am Text, Schauspielern mit regionalen Dialekten (sprach Goethe, der Mann aus Frankfurt, eigentlich Hessisch und was sprach man in Mannheim, dem Ort der Erstaufführung der Räuber?) und unter verzicht auf elektrifizierte Bühnentechnik?
Oder eben auch nicht. Weil Musik eben etwas prinzipiell anderes als Theater ist. Aber warum?
HG · 25.09.2009 · #Ja, Goethe sprach Hessisch – geschrieben hat er zum Glück “auf Hochdeutsch”. Aber das ist doch auch ohne jede Bedeutung für sein Werk. Klar, liegt z. B. dem Faust eine “wahre Begebenheit” in Form eines Krininalfalls, abgehandelt in Frankfurt zugrunde – aber ob nun Franfurt oder Kiel oder Hamburg oder Stuttgart: das ist doch nicht wirklich von Bedeutung.
Das gleiche gilt meiner Meinung nach für Idiome. Idomatik in der Musik (wird natürlich nicht so definiert, aber ich denke es ist klar was ich meine) ist doch etwas ganz anderes als in der Sprache. Idomatik in der Musik diffundiert in “akademische” Strukturen von Harmonie, Melodik und Rhtyhmus; Iiome in der Sprache “überstülpen” dieselbe nur mit ihren Färbungen & Wendungen.