19. September 2007
"Der Tenor mit dem Taschentuch" und wie das Geschäft mit Pavarotti weiter geht
“Luciano Pavarotti ist tot, aber sein „Ave Maria“ dröhnt aus meiner Stereoanlage: sanft, weich, von Gott selbst modelliert.” Keine Ahnung, wessen Ave Maria der Autor des Bild-Artikels, Axel Brüggemann, da gehört hat, aber es war bestimmt nicht das von Luciano Pavarotti. Vielleicht eines von Schubert oder Gounod?
Was ist der Sinn eines Nachrufs?
Eine Lebensleistung zu würdigen oder zu hinterfragen.
Zu einem respektvollen Artikel hätte zum Beispiel gehört, die wichtigsten Karrierestationen und die wichtigsten Aufnahmen zu nennen, die Stärken der Stimme, das Können des Sänger noch einmal darzustellen. Was das Lesepublikum aus dem Bild-Artikel mitnimmt, ist dieses: Pavarotti war der dicke von den drei Tenören, der immer mit dem Taschentuch winkte und sich von seiner Frau scheiden lassen hat. Am Ende seines Lebens “saß er im Schatten: 150 Kilo, beige Shorts und knallrote Socken bis über die Knie.”
Und was ist der Sinn diesen Nachrufs?
Vielleicht verbirgt er sich in den Sätzen über einen Tosca-Auftritt in Berlin:
“Die Fans wurden weggejagt. Ich saß mit Big P. in der Limousine.”
Kommen wir zur DECCA.

Also ich stamme ja aus dem Münsterland. Da ist man in vielen Dingen ein bißchen langsamer, vielleicht sogar ein wenig zurück. Aber für sowas hat man ziemlich kraftvolle Sätze in petto, die beginnen: “Er ist noch nicht mal richtig unter der Erde, da…”. Die Empörung in Sätzen, die so beginnen, hat immer auch etwas Verlogen-Hinterhältiges. Aber die DECCA übertreibt’s hier doch ein wenig. Die DECCA hat nämlich geradezu unanständig schnell den Schlussverkauf eingeläutet.
Im Pressetext heißt es “Die DECCA veröffentlicht in Erinnerung an Luciano Pavarotti das Doppelalbum Pavarotti Forever, eine Sammlung seiner größten Erfolge.” Wetten, dass es genau darum, um die Erinnerung an ihn, nicht geht? Ginge es darum, hätte man ja eine seiner Aufnahmen günstig wiederveröffentlichen können, die tatsächlich “für die Ewigkeit” sind. Zum Beispiel die La Bohème-Einspielung mit Karajan. Das war einer seiner großen künstlerischen Erfolge. Aber das Label maß Pavarottis Erfolg vermutlich schon lange nicht mehr mit der künstlerischen Elle, sondern an Verkaufszahlen.
Vor allem auf der DVD “Pavarotti Forever” mit Ausschnitten aus den Konzerten und Auftritten nach 1990 wird das Bild vom “Tenor mit dem Taschentuch” manifestiert. Dabei war das nur die Resteverwertung einer beeindruckenden Karriere und noch beeindruckenderen Stimme.
* * *
Kommentare
Na mal sehen, dachte ich, als ich deinen Eintrag gelesen hatte, wer dieser A. Brüggemann ist (bin das eine und andere Mal schon über diesen Namen gestolpert), und so wurde der Name ebd. Herrn bei Google eingetippt.
Prompt der erste Eintrag brachte mir eine Seite, auf welcher ein Buch über Richard Wagner rezensiert wurde, verfasst vom werten Herrn Brüggemann. Kannst Du ja bei Interesse selbst nachlesen – allerdings das “dickste Ding” möchte ich an dieser Stelle doch loswerden: Wagner wurde (vermutlich nach neuestem Forschungstandund wer anders denkt, hängt noch alten und liebgewonnen Überzeugungen nach) in Dresden, genauer im französisch besetzen Judenviertel, geboren! Etwa noch nicht gewusst?! Bin übrigens ganz und gar kein Wagnerianer, aber “das mit Leipzig” ist ja schon Allgemeinbildung (würde zumindest ein D. Schwanitz voraussetzen).
Ich schweife natürlich so langsam aber sicher ab, doch frage ich mich schon gewaltig, wie man so (Ausdruck entfernt, HG) sein kann und jedwede Recherche einfach ganz bleiben lässt, und dass es darüber hinaus noch einen Verlag gibt, der den ganzen (Ausdruck entfernt, HG) unbesehen veröffentlicht! Aber genug davon!
Insofern wundert es mich auch nicht, dass Brüggeman einen solchen (Ausdruck entfernt, HG) über Pavarotti verzapft! Und es wundert mich dann natürlich noch weniger, dass dieser (Ausdruck entfernt, HG) in der “Bild” zu lesen ist!
Und was die Decca betrifft: das Cover ist ja auch sehr vielsagend, denn notabene: der Tenor mit dem TASCHENTUCH!
Philipp · 19.09.2007 · #