Platte11

7. Juli 2009

Jacques Stella: Selbstbildnis mit seiner Mutter

Noch eine kleine Anmerkung zum Musée Départemental Georges de la Tour.

In der Dauerausstellung hängt das letzte Werk von Georges de la Tour, der 1593 in Vic-sur-Seille als Sohn eines Bäckermeisters zur Welt kam und 1652 gar nicht weit davon in Lunéville starb. Das Bild trägt den Titel Saint Jean-Baptiste dans le Désert (Johannes der Täufer in der Wüste). Es ist vermutlich das bekannteste und wertvollste Exponat dieses Museums.

Durch den Hell-Dunkel-Kontrast, die monochrome Farbgebung und den reduzierten Hintergrund wirkt das Bild – jedenfalls auf einen kunstgeschichtlichen Laien wie mich – erstaunlich “modern”. Wer die vor kurzem hier vorgestellte Émile-Gallé-Ausstellung besucht, sollte unbedingt auch einen Blick in die Dauerausstellung werfen!

Das möchte ich mit dem Hinweis auf ein zweites Bild unterstreichen. Es hat mich unter allen Exponaten in Vic-sur-Seille am stärksten beeindruckt: Jacques Stellas Selbstbildnis mit seiner Mutter.

Auch hier wundere ich mich, und gerade weil ich mich wundere und sich während der Betrachtung des Bildes immer neue Fragen geradezu aufdrängen, übt das Gemälde eine gewisse Faszination auf mich aus. Es entspricht ganz und gar nicht meiner laienhaften Vorstellung von einem Gemälde aus der Zeit des Barock. Dabei ahne ich, dass mir mangels kunstgeschichtlichem Wissen vermutlich auch manche Bedeutungsebene bei diesem Gemälde entgeht.

Zwei Beispiele: Erstens wüsste ich gerne, ob das Rot des Mantels, den der Maler trägt, eine Bedeutung hat, die darüber hinaus geht “nur” einen Kontrast zur schwarz-weißen Kleidung der Mutter herzustellen. Zeigt das Rot vielleicht den Stand des Malers an? Weist es auf sein Alter hin? Zweitens wüsste ich gerne, welche Bedeutung man der Tatsache zumessen soll, dass der Maler seine Mutter und die Mutter wiederum den Betrachter ansieht …

Natürlich habe ich auch gegoogelt. Jacques Stella war ein Zeitgenosse von Georges de la Tour. Er lebte von 1596-1657, war in Italien und Frankreich tätig und galt als Vertreter eines “sensiblen Barockstils” – sagt zumindest Wikipedia.

“Sensibler Barockstil” – schön und gut. Aber war es um 1640 herum, als das Bild vermutlich entstand, wirklich üblich, dass Maler solche Selbstbildnisse von sich mit ihrer Mutter malten? Ich könnte aus dem Stehgreif ein paar Selbstbildnisse von Malern ohne ihre Mutter aufzählen, natürlich beginnend mit den beiden, die wohl jeder kennt, Dürer und van Gogh, aber ich kenne kein einziges Bild, auf dem sich ein Maler zusammen mit seiner Mutter verewigt hat. Und wenn wir dem Verlauf der Unterarme in die linke untere Ecke auf dem Gemälde von Jacques Stella folgen: Halten Mutter und Sohn sich hier möglicherweise sogar an der Hand?

Noch etwas wirkt fremd auf mich: dieser penible, nein, geradezu schonungslose Naturalismus! Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass das Doppelportrait nicht geschönt ist. Der Maler gleicht hier auch auffallend einer anderen Abbildung, die von ihm existiert. Und die Mutter wirkt tatsächlich wie eine sehr alte Frau. Sie hat nicht nur Falten und rot umrandete Augen , sondern ihre eingefallenen Wangen legen soger die Vermutung nahe, dass sie kaum noch Zähne im Mund hat. Und ist die Kleidung mit der schwarzen Haube womöglich typische Witwenkleidung?

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