23. Juni 2010
Lesetipp: Wien - Geschichte einer Stadt
Wissen wir mehr über die Musik, wenn wir die Lebensumstände des Komponisten kennen? Vielleicht. Freilich besteht auch die Gefahr, aus einem gewissen Halbwissen heraus die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen. Da spielt oft etwas hinein, was man den Mitleidsfaktor nennen könnte: Mozart und Schubert, um zwei sehr prominente Beispiele zu nennen, gelten gemeinhin als erstens überaus arm und zweitens allzu jung gestorben.
“Die These vom verarmten Genius Mozart stammt aus der Romantik. Jeder Biograph versuchte Mozart noch ärmer zu machen”, stellt der Wikipedia-Artikel über Wolfgang Amadeus Mozart (eingesehen am 21.06.2010) dem entgegen und präsentiert Einkommensberechnungen, die nur eine Schlussfolgerung zulassen: Mozart lebte – trotz einer glänzenden Einkommenssituation – auf allzu großem Fuß.
Und im Falle von Franz Schubert wäre die aus heutiger Sicht furchtbar kurze Dauer seines Lebens (1797-1828) durch den nüchternen Blick auf ein paar demographische Fakten schnell relativiert: Um 1820 schwankte die durchschnittliche Lebenserwartung männlicher Neugeborener in Wien zwischen 18 und 20 Jahren. Dabei geht die hohe Säuglingssterblichkeit schwerwiegend in die Statistik ein. Hatte der männliche Säugling nämlich einmal das erste Lebensjahr überstanden, dann konnte er auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 32 Jahren hoffen – Schubert starb für die damaligen Verhältnisse also nicht außergewöhnlich jung.
Woher ich das weiß? Im Zusammenhang mit ein paar vorbereitenden Recherchen für einen Artikel über die Klaviertrios von Franz Schubert (erscheint in den nächsten Tagen in hifi & records) stieß ich auf ein interessantes Buch, das man – allerdings mit gewissen Einschränkungen – auch online einsehen kann:
Csendes, Peter/ Opll, Ferdinand: Wien. Geschichte einer Stadt. Von 1780 bis zur Gegenwart; Wien 2006
Insbesondere die Kapitel über Massenarmut und Kinderarbeit in der damals viertgrößten Stadt Europas relativieren die verbreiteten Einschätzungen über die Lebensumstände der bekannten Wiener Komponisten (Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, ...) doch ziemlich stark.
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