Platte11

23. September 2008

Matthias Matussek: Wir Deutschen - Warum uns die anderen gern haben können

Mein Leihausweis von der öffentlichen Bücherei bringt es mit sich, dass ich Neuerscheinungen oft erst lese, wenn die von ihnen geschlagenen Wellen längst verebbt sind. So kam auch Wir Deutschen von Matthias Matussek mit dem provokanten und trotzigen Untertitel Warum uns die anderen gern haben können erst jetzt in meine Hände – über zwei Jahre nachdem das Buch erschienen war.

Dabei hatten Matussek und der S. Fischer-Verlag im Jahr 2006 eine publizistische Punktlandung geschafft. Kaum war das Buch da, begann die Fußball-WM in Deutschland. Mit ihr erfasste eine fröhliche und gewaltlose Euphorie das ganze Land. Die Deutschen richteten der Welt eine tolle Fußball-Feier aus und feierten sich gleichzeitig dafür ein wenig selbst. Dabei war die Selbsternennung zum „Weltmeister der Herzen“ ja wirklich ein bißchen dicke. „Eigenlob stinkt“, sagt man in Westfalen.

Matussek lieferte, als hätte er’s geahnt, dem schwarz-rot-goldenen Fähnchenjubel im Vorhinein sowas wie den intellektuellen Überbau. Natürlich kam er ins Fernsehen und sein Buch in die meisten Zeitungen. Warum auch nicht? Besser, Matthias Matussek spricht über Alexander von Humboldt als Verona Pooth über Spinat. Ich hatte ihn, ehrlich gesagt, damals ein wenig in Verdacht, ein Dampfplauderer und Schaumschläger zu sein. Das Buch revidiert diesen Eindruck gründlich. Seine Fernsehauftritte beförderten leider seine Popularität mehr als seine Reputation.

Nun also zum Buch. Wir Deutschen ist fantastisch geschrieben – witzig, pointiert, abwechslungsreich. Kein Vergleich zur so trocken und umständlich formulierten Kultur der Freiheit von Udo di Fabio, mit dem Wir Deutschen nicht nur den schwarz-rot-goldenen Schriftzug auf dem Titel, sondern auch manchen Gedanken teilt, selbst wenn Matussek, vielleicht bedingt durch Herkunft und Beruf, aus einer etwas anderen Perspektive auf das Land und seine Kultur blickt. Die Provokation ist di Fabio gänzlich fremd und gerät Matussek (zu) oft zum Selbstzweck. Man muss Joschka Fischer nicht mögen, um Matusseks Sätze über ihn und seine Frau als beleidigend zu empfinden. Und den Nationalsozialismus als „Hitlerei“ zu bezeichnen, muss man irgendwo zwischen Schnoddrigkeit und Verharmlosung einsortieren: Raucherei, Trinkerei, Hitlerei … alles gleich schlimm? Mich nervt dabei, dass Matusseks Provokationen so kalkuliert und inszeniert wirken – immer mit festem Blick auf die Auflage.

Der Autor nimmt die Animosität der Briten gegen Deutschland zum Leitfaden für sein Buch und findet damit einen Kunstgriff, um aus der Opferrolle heraus argumentieren zu können. Das ist oft witzig und oft etwas durchschaubar. (Wobei es auch mich befremdet hat, vor einigen Jahren in Heathrow Plakate zu sehen, die mit dem Spruch „Invade Germany“ für preiswerte Flüge nach Deutschland warben, und dass ein Hotelgast in London nach Entdeckung meiner Nationaltät den “Hitlergruß” machte, fand ich auch nicht witzig – manche Klage, die Matussek führt, ist leider nur allzu berechtigt!) Außerdem enthält das Buch fürs Thema vielleicht doch etwas nichtssagende Interviews mit Heidi Klum oder Sarah Kuttner und strotzt auch sonst nur so vor Name-Dropping und anderen Selbstverliebtheiten. Aber es enthält eben auch wunderbare Abschnitte über Heinrich Heine und Alexander von Humboldt, die Nibelungensage und die Varusschlacht, über deutsche Geschichte, Kunst und Kultur. Auf der anderen Seite kann man Matussek vorwerfen, dass seine Annekdötchen oft nicht mit dem Thema auf einer Höhe sind und er präzise Definitionen ebenso meidet (Wer sind „wir Deutschen“ überhaupt?) wie die angemessene Darstellung von Gegenargumenten (Welche Bedeutung kommt der Nation überhaupt noch zu, wenn unsere Geschicke vorwiegend vom Preis für Rohöl, dem Wohlergehen amerikanischer Banken und dem Schmelzen der Polkappen abhängen?). Trotzdem hat er ein schönes, witziges und inhaltsreiches Plädoyer für einen etwas selbstbewussteren Blick auf unser Land geschrieben.

Mein Fazit nach der Lektüre: Das Buch ist geschwätzig, eitel und unvollständig – und trotzdem eine ganz dicke Empfehlung wert.

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