11. Juli 2009
Viel Lärm um nichts
In der so genannten “Blogosphäre” brodelt es mal wieder. Viel Lärm um nichts.
Was ist eigentlich passiert?
Vodafone, ein Anbieter von Kommunikationsdienstleistungen, hat auf einer Live-Pressekonferenz eine neue Werbestrategie vorgestellt. Darin spielen offenbar zwei verhältnismäßg bekannte Blogger (Sascha Lobo und Frau Schnutiger) eine Rolle. Außerdem soll es bei Vodafone dafür Pläne geben, über das Blogwerbe-Netzwerk Adnation in einigen Blogs zu werben.
Warum regen sich so viele Blogger darüber auf?
Vodafone gehört zu jenen Kommunikationsdienstleistern, die von einigen Bloggern als “Zensurprovider” bezeichnet werden, weil sie freiwillig (das heißt: ohne gesetzlich dazu gezwungen zu sein) den Zugang zu Internetseiten mit kinderpornografischem Material sperren. Natürlich möchte auch kein Blogger die Vertriebskanäle für Kinderpornografie stärken, aber einige von ihnen sehen in den Sperrungen ein Einfallstor für weitere Zensurmaßnahmen. Und die meisten Blogger sind nicht zuletzt mit Blick auf Staaten wie China und den Iran, wo dem Bloggen eine emanzipatorische Bedeutung zukommt, gegen absolut jede Art von Zensur. Sind nämlich die entsprechenden technischen Voraussetzungen für Internetsperren erst einmal vorhanden, dann werden sie irgendwann vielleicht auch zur Einschränkung der Meinungsfreiheit missbraucht, so fürchten die Gegner jedweder Internetzensur.
Exkurs
Obwohl ich mich grundsätzlich auch für einen eher liberal denkenden Menschen halte, bin ich anderer Meinung als viele Blogger. Ich habe das vor einiger Zeit in einem Kommentar bei Don Dahlmann so formuliert:
Was spricht denn wirklich gegen Netzsperren? Sie sollen ein Einfallstor für die Zensur sein? Wer das glaubt, unterschätzt das BVerfG und das Gewicht der Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit völlig (und wie schwer die Meinungsfreiheit wiegt, hat man heute (24.06.2009) an zwei Nachrichten gesehen: “Contergan-Opfer dürfen wieder zum Boykott aufrufen” und “BGH weist Klage gegen Spickmich.de ab”).
Der gewöhnliche Internetnutzer wird vermutlich in seinem ganzen Surfer-Leben kein Stop-Schild sehen! Warum dann diese Aufregung?
Oder mal andersrum gefragt: Wenn es eine effiziente Methode gäbe, Geisterfahrer schon auf Autobahnabfahrten (die sie ja rauffahren) zum Umdrehen zu zwingen, zum Beispiel, indem sich vor ihnen auf der Fahrbahn ein Wald von Stop-Schildern aufrichtet, würdet Ihr das dann auch als “allgemeine Einschränkung der persönlichen Freiheit” bezeichnen? Mit Verlaub: Das wäre Unsinn.
Sascha Lobo
Das Pikante an der Sache ist nun, dass sich Sascha Lobo (der jetzt für Vodafone wirbt) und etliche weitere Blogger aus dem adnation-Netzwerk öffentlich gegen Internetsperren ausgesprochen haben. Das ist ein wenig so, als wenn eine Peta-Aktivistin für einen Kürschner auf den Laufsteg ginge, für Kroko-Handtaschen werben würde oder im Zuschauerraum einer Stierkapmf-Arena säße. Unglaubwürdig. Aber Glaubwürdigkeitsprobleme von so genannten “Testimonials” führen normalerweise nicht zu solchen Diskussionen (und sind sowieso in erster Linie ein Problem ihres Auftraggebers, der Honorar in den Sand gesetzt hat).
Was ärgert mich an der Aufregung?
Erstens: Die Aufregung ist verlogen. Auch in vielen Zeitungen und Fernsehsendern wird man vermutlich demnächst Vodafone-Werbung sehen. Warum soll ausgerechnet die wirtschaftlich schwächste Publikationsform mit den höchsten moralischen Maßstäben gemessen werden? Will sich Don Alphonso demnächst einen Strick nehmen, wenn neben seinem FAZ-Blog zufällig ein Werbebanner von Vodafone erscheinen sollte, nur weil er an anderer Stelle über die Vodafone-Aktion gelästert hat? Nicht nötig … ! Und dazu lese ich ihn viel zu gerne.
Zweitens: Es ist undemokratisch. Es muss doch möglich sein, mit jemandem, der in einer politischen Frage eine andere Haltung hat als man selbst, eine Geschäftsbeziehung zu pflegen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Vodafone ist ja weder eine Nazi-Organisation, noch ruft das Unternehmen zum Heiligen Krieg auf. Halten wir also den Ball flach. Sollen Lobo & Co doch die Kohle bei Vodafone abgreifen. Dass sie sich dadurch verbiegen werden, ist im Moment noch gar nicht absehbar.
Erst wenn wir im Lobo-Blog lesen, dass Internetzensur so toll ist wie Freibier für alle, sollten wir den Fall noch mal kritisch betrachten.
* * *
Kommentare
Mir ist durchaus klar, dass so etwas nicht schön wäre. Ich habe darauf genauso wenig Einfluss wie die FAZ, denn der Vermarkter ist extern. Allerdings habe ich mir auch schon etwas einfallen lassen, wie ich damit im Zweifelsfall umgehe, und ich kann versichern, dass ich dabei mehr zu lachen habe, als Vodofone und ihre Handlanger.
Don Alphonso · 11.07.2009 · #Ach Don,
wie war das noch mit den PR-Jobs, pardon, mit deiner sicher “journalistischen Arbeit” im Bereich “Corporate Communications”, mit denen du dir den Besuch der Mille Miglia 2007 und 2008 finanziert hast?
Um dann 2009, mit ein bisschen erpöbeltem FAZ-Taschengeld im Rücken, über das Engagement von Mercedes zu stänkern, ohne deren Sponsoring parasitäre Nutznießer (angemeldet oder akkreditiert warst du auch dieses Jahr nicht, korrekt?) wie du nichts zu knippsen hätten? Erzähl doch mal!
In deinen Blogs kommen diese interessante Details irgendwie zu kurz, finde ich. Wurden dir diese Jobs auch von einem “externen Vermarktern” aufgezwungen? Oder waren es eher diese Sorte Geschäft mit Handschlag, die nicht ihren Weg in die Bücher finden?
Und wie war das noch gleich mit deinem Auftritt beim Lead Award Anfang April, dem Circle-Fuck-Event der Verlags- und Werbebranche schlechthin? Hast du dich da nicht als Pudel verkleidet einfliegen lassen, um das ein oder andere Anekdötchen zum Besten zu geben?
Für Medienpreise scheinst du ja ohnehin Experte zu sein. Nein, ich meine nicht deine “Enthüllungen” zum Grimme-Online-Award. Erinnerst du dich noch an den “Alternativen Medienpreis” 2002?
Ja, genau, damals warst du in der Hörfunk-Jury und hast gleichzeitig einen Preis in der Kategorie Internet bekommen. Dass parallel auch noch der 2. Preis in der Kategorie “Hörfunk” an deinen eigenen Sender ging (Afk München – 94,5 MHz, für den hattest du im Vorjahr gewonnen), hätte ja nur bei anderen ein Geschmäckle.
Aber, wo wir gerade über Zensur und Zensurprovider reden. Nutzt du immer noch deinen Google-Mailaccount (Weil, das ist nicht nur eine Datenkrake, die zensieren ja auch recht gern)?
Das Tracking-Script von Google Analytics auf Rebellmarkt ist inzwischen ja wieder verschwunden. Dafür lässt du deine Leser nun heimlich von technorati tracken. Ich frag’ nur, weil eigentlich hälst du technorati doch für total unnütz, richtig?
Einen Datenschutzhinweis sucht man auf Rebellmarkt und an der Blogbar auch vergeblich. Und nun komm’ nicht mit auf dem Pudelmarkt verlinkten Feigenblatt von disclaimer.de.
Wobei, dieses lästige Datenschutzgehampel lässt sich ja auch schwerlich mit den Anlegen von “Nutzerdossiers” (vgl. “Zitterwolf”) in Einklang bringen, nicht wahr?
Doch, Don, du bist schon’n Guter. Was wären wir Werbehuren nur ohne moralische Lichtgestalten wie dich ,)
Details? Gern: http://www.2shared.com/file/6644063/2bd02eab/DonArchiv.html
Tanja Anja · 11.07.2009 · #